Wohnung von Josephine Gintzburger Leidenschaftlich subjektiv

Nach 20 Jahren in der Modebranche wollte die Deutsch-Französin Josephine Gintzburger ihr Leben entschleunigen. Sie kündigte ihren Job, fand eine neue Wohnung in Paris und richtete sie so eigenwillig, elegant und mit so viel hintergründigem Humor ein, dass daraus gleich eine neue Tätigkeit wurde: Sie arbeitet jetzt als Inneneinrichterin.

Der Auftakt war etwas ernüchternd. „Mein ältester Sohn Maximilian fing an zu weinen, als er die neue Wohnung sah“, erinnert sich Josephine Gintzburger. Auf keinen Fall wollte er das schicke, ganz in Weiß gehaltene Pariser Neubau-Penthouse der Familie eintauschen gegen diese Sechs-Zimmer-Altbauwohnung im 1. Arrondissement, die Jahrzehnte nicht renoviert worden war, wo die Wände mit Graffiti beschmiert waren und es in der Küche nach Mäusen roch. Doch seine Mutter war fest entschlossen: „Da bin ich obsessiv. Wenn schon Veränderung, dann aber richtig!“ Josephine Gintzburger, zarte Statur und tiefe Stimme, schwarze Haare bis zur Taille, Minirock, High Heels und makellos trainierte Beine, brauchte gerade mal drei Monate um das 200-Quadratmeter-Appartement zu renovieren und komplett neu einzurichten.

Heute sind ihre drei Jungen glücklich in den großzügigen Räumen, in denen sie sogar Skateboard fahren könnten – das alte Parkett wurde nämlich in sattem Anthrazit mit einer harzhaltigen Farbe gestrichen, die man normalerweise für öffentliche Parkhäuser benutzt. Sie in einer Wohnung zu verwenden ist typisch für Josephine Gintzburger: Die Deutsch-Französin schätzt das Unerwartete, Unorthodoxe. Nichts mag sie beim Einrichten weniger als „political correctness“, wie sie es nennt: „Den Lüster mittig über den Tisch hängen? Wie langweilig! Alles in Art déco? Niemals! Je mehr Kontraste, desto mehr Persönlichkeit.“ Die Wohnung mit ihrem Grundriss in U-Form, den sechs Meter hohen Balkendecken, den hohen Fenstern und dem Sandsteinkamin im Salon gehört eigentlich zum klassischen Baubestand des 17. Jahrhunderts im Herzen von Paris. Er bot unzähligen Designern und Einrichtern den Rahmen für ihre Stilübungen: zigmal fotografiert und zigmal gesehen. Aber Josephine Gintzburger gelang in ihrem Appartement ein Jamais-vu.

Zunächst nahm sie ein paar Umbauten vor. Die Küche war zu klein für ihre Kochleidenschaft, sie machte ihr Bad daraus. Das Esszimmer wurde ihr Schlafzimmer, ein anderer Schlafraum die Küche, unter der Galerie im Salon zog sie eine Trennwand ein und schuf so eine großzügige Ankleide. Dann bespielte sie die Räume mit einem Mix aus Vintage-Möbeln der 1950er- und 60er-Jahre, aktuellem Design, zeitgenössischer Fotokunst und Retro-Tapeten, alles gewürzt mit einer Prise Kitsch aus Objekten, die sie auf Flohmärkten entdeckt.

Autor:
Didier Delmas, Eva Müller-May
Fotograf:
Didier Delmas