Eine Frage des Respekts Neues Leben im alten Bauernhaus

Eine Frage des Respekts: Vor 22 Jahren kaufte der holländische Design-Unternehmer Wim van Ast nahe Winterswijk ein Gehöft von 1790. Er renovierte es sorgfältig – und lernte es mit der Zeit immer besser kennen. So gut, dass er seine Eingriffe von einst nun noch einmal korrigierte, um der alten Hülle ihre Atmosphäre zurückzugeben.

Der Anblick der Treppe schmerzt ihn doch. Zwei Treppenläufe, dazwischen ein Podest, führen gegenläufig vom Erdgeschoss unters Dach. Beide im gleichen Abstand zur Wand, beide 95 Zentimeter breit. Mehr ging oben nicht, dafür sorgte ein alter Holzbalken. Aber unten! Unten wären locker 15 Zentimeter mehr Platz gewesen. Aber Wim van Ast wollte die totale Symmetrie und leidet seitdem unter der normativen Kraft des Optischen. Die Treppe sieht schmal aus, zu schmal. „Als ginge es zur Kanzel hoch“, stellt er mit sachlichem Bedauern fest, „da habe ich einen Denkfehler gemacht.“ Und wo er schon dabei ist: War es richtig, den Eingang zurückzusetzen und ins Dach zu schneiden, nur damit die Haustür etwas höher werden konnte? Und hätte er nicht doch auf die Sondertönung ins leicht Ecru-Farbene warten sollen, statt den extraflachen Plattenheizkörper in der Küche gleich in Standardweiß zu nehmen?

Vor 22 Jahren kaufte Wim van Ast, langjähriger Chef der holländischen Möbelmarke Arco und Mitbegründer der Kölner Designpost, in Winterswijk ein Gehöft von 1790 für sich und seine Familie, setzte es instand und baute es aus. Vor drei Jahren hat er es noch mal renovieren lassen, und obwohl es für jeden Außenstehenden längst den idealen Zustand aus Perfektion und Persönlichkeit erreicht hat, ist Wim van Ast noch nicht fertig mit diesem Haus. „Ich bin ein Detailfetischist“, sagt er in seinem makellosen Deutsch. Und: „Mit den Jahren wächst der Respekt vor so einem Gebäude.“ Denn was wie eine Mängelliste klingt, ist in Wahrheit eine Liebesgeschichte.

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Autor:
Gabriele Thiels
Fotograf:
Dennis Brandsma, Eigen Huis & Interieur