Château mit Charakter

Nostalgisches Schloss eines Fotografen

Sein Schloss in der Bourgogne renoviert der holländische Fotograf Aernout Overbeeke so, wie er auch seine Bilder macht: Er lässt sich Zeit, bis wirklich alles stimmt. Raum für Raum bekommt das verwohnte Gemäuer so wieder Stil: Mit sanften Farben und antiken Möbeln, die zu seiner Geschichte passen.

Er war allein in dem alten Schloss. Nahm sich einen wackligen Stuhl aus dem Gerümpel, das hier herumstand. Stellte ihn in die Mitte des Raumes, setzte sich und schloss die Augen. „Ich hörte nichts als meinen Herzschlag“, erinnert sich Aernout Overbeeke. „Aber meine Gedanken rasten: Es ist viel zu groß. Zu verwohnt. Die zwei Hektar Land drum herum sind verwildert. Was fange ich nur damit an? Nach einer Stunde wusste ich, dass ich es kaufen würde.“ Der Fotograf aus Haarlem in den Niederlanden suchte 2007 ein Ferienhaus in Frankreich. Das schlichte Landschloss Les Durauds im Südwesten der Bourgogne gelegen, wo kein Wein wächst, sondern Mastvieh gehalten, Getreide und Raps angebaut werden, war eines von vielen Besitztümern wohlhabender Freunde. Sie wussten nicht recht, was sie mit diesem 300 Jahre alten, geerbten Gemäuer anfangen sollten, vergaßen es zwei Jahrzehnte und wollten es schließlich verkaufen, bevor es ganz verfiel. Aernout Overbeeke bekam den Zuschlag gegen Interessenten aus England und Italien.

Objekt aus Orgelpfeifen im Erdgeschoss

Der zentrale Raum mit den Wandtäfelungen im Erdgeschoss dient einem eigenwilligen Objekt aus Orgelpfeifen und einem Harmonium als alleinige Bühne.

So steht der 62-Jährige – schwarze Lederhose, der das häufige Tragen anzusehen ist, Pullover, runde Brille mit schwarzem dickem Rand – heute in dem Raum, in dem ihn sechs Jahre zuvor seine innere Stimme vom Kauf überzeugte. Alles sieht noch aus wie damals: der Marmorkamin, das abgetretene Eichenparkett und die Holzverkleidungen an den Wänden, an denen die einst weiße Farbe abblättert. Nur den Platz des alten Stuhls hat eine eigenwillige Installation aus Orgelpfeifen und einem Harmonium eingenommen. Ist es ein Kunstwerk oder ein archaisches Musikinstrument? Aernout Overbeeke lacht: „Weder noch. Es ist ein Ding ohne Funktion. Ich habe es einmal für eines meiner Fotos gebaut.“

Das Anwesen lässt ihm Platz für derartige Inszenierungen. 14 Zimmer auf 550 Quadratmetern Wohnraum bietet das dreigeschossige, nicht denkmalgeschützte Schloss, das auf der Nordfassade ein Mittelrisalit, auf der Südfassade zwei Seitenrisalite gliedern. Dazu kommen die Gesindehäuser und Stallungen. Und Aernout Overbeeke gibt der Anlage und sich selbst für die Renovierung Zeit. Nicht nur, weil er sich maximal fünf Monate im Jahr darum kümmern kann, sondern weil das für ihn eine Frage des Prinzips ist. Das wendet er auch auf seine Fotografie an: „Ein Abzug von einem Negativ ist wie ein guter Wein. Man sollte ihn liegen lassen, damit er reift und Charakter bekommt.“ Er sei etwas verrückt, ein Perfektionist. Für einen Werbeauftrag für die italienische Marke Cassina hat er Anfang der 1990er-Jahre sechs Designermöbel nach Australien verfrachten, sie mit dem Helikopter in aufwendig ausgesuchten Landschaftskulissen positionieren lassen und dann mit seiner Plattenkamera abgelichtet. Sechs Fotos, ein Monat Arbeit! So intensiv arbeitet er seit 40 Jahren für Mode, Werbung, Reportagen – fotografiert stets analog, nie digital – und hat damit zahlreiche Preise gewonnen.

Das „Orgelzimmer“, wie der zentrale Raum im Erdgeschoss genannt wird, mag noch nicht fertig sein, den angrenzenden Salon und das Esszimmer hat Aernout Overbeeke mithilfe von zwei Handwerkern renoviert. Die Einrichtung, ausschließlich Antiquitäten, suchte er gezielt dafür zusammen. Nicht alles stammt aus der Erbauungszeit des Schlosses, aber alles ist alt. „Dieses Château von 1700 in die heutige Zeit versetzen? Ridicule, lächerlich!“, ruft der Hausherr und zieht die erste Silbe von „ridicule“ besonders lang. „Es ist immer das Gebäude, das diktiert, was aus ihm werden soll. Und dieses wollte auf keinen Fall Betonböden, moderne Möbel oder verchromte Badezimmer!“ Nur bei der Farbgestaltung erlaubt er sich eine zeitnahe Interpretation. Die Wände sind nicht mehr mit Blumentapeten beklebt oder mit Seidentapeten bespannt, sondern mit einem Mix aus natürlichen Farbpigmenten, Wasser und einem Spezialkleber bestrichen. Beim Dunkelbraun glaubt man, die satte Erde der Bourgogne fühlen zu können, das Orange und Gelb erinnern an ihre weiten Rapsfelder.

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Autor:
Eva Müller-May