Irritation als Taktik Pariser Wohnung erstrahlt in grellen Farben und Op-Art-Effekten

Wie macht man aus einer Großbürgerlichen Pariser Wohnung des 19. Jahrhunderts ein zeitgemäßes Zuhause für eine Familie? Der Architekt Alireza Razavi setzte auf Schockfarben und Op-Art-Effekte. Und bewahrte trotzdem die alte Grandezza der Räume.

Grelle Farben

Man fühlt sich wie in einer Op-Art-Box. Das Entree der großbürgerlichen Wohnung im feinen 8. Pariser Arrondissement ist bis unter die Decke mit Kacheln in einem grau-weißen 3-D-Muster verkleidet, die Türen sind verschieden breit und hoch, die Decke besteht aus einem weißen Rautenraster und scheint nach oben zu klappen. Und im Zentrum des Raums steht eine weiße Kunststoffgestalt mit einem Fernglas vor den Augen, als wolle sie sich angesichts all dieser Verzerrungen doch noch Durchblick verschaffen. „Weltanschauungsmodell“ heißt die Skulptur, eine Arbeit des deutschen Künstlers Ottmar Hörl. Der Effekt des Raumes ist überwältigend. Doch im Grunde führt er nur fort, was hier schon vor mehr als 50 Jahren praktiziert wurde: die Idee eines begehbaren Kunstwerks. Ein General der französischen Infanterie hatte das Appartement über Jahrzehnte bewohnt und die Räume peu à peu verziert: Wände, Türen und manche Decke bemalte er eigenhändig mit Stillleben, Reiseimpressionen und Landschaften, mit Porträts von Verwandten und von fiktiven Personen. Sein Meisterstück war der Eingangsbereich, den er mit einem großen Springbrunnen in Trompe-l’Œil-Technik gestaltete. Er ähnelte denen auf der Place de la Concorde, wo der Präsident der Republik jedes Jahr am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, die Militärparade abnimmt.

Vor zwei Jahren verkaufte der alte General die Wohnung und zog in ein Seniorenheim. Die neuen Besitzer, ein Bankier und eine Anwältin mit ihren zwei Kindern, sind Kunstsammler. Sie hatten zwar Sinn für das schräge Gesamtkunstwerk eines Amateurs, doch darin leben? Lieber beauftragten sie den Architekten Alireza Razavi mit der Neugestaltung der Räume. Fast entschuldigend sagt er: „Das gemalte Tagebuch des Generals war einfach zu dominant und entsprach auch nicht dem Stil meiner Bauherren. Außerdem musste man die Wohnung unbedingt sanieren. Überall hatten sich Risse gebildet, die Farbe war vergilbt und verstaubt, das Werk blätterte von den Wänden. Es war, selbst wenn man es gewollt hätte, nicht mal teilweise zu retten.“ Aber das Thema der Fresken nahm er auf und interpretierte es neu – und noch radikaler. Nicht nur im Vestibül sind die Wände dekoriert, auch die Wohnküche ist ganz mit einem bizarren Muster aus großen, spitzen geometrischen Formen in Leuchtfarben bedeckt: ein Rausch für die Augen.

Alireza Razavi hatte schon bei anderen Projekten viel Gespür für die Verbindung von zeitgenössischer Kunst und Architektur bewiesen. Der gebürtige Iraner, 44, studierte in Paris und New York und arbeitete bereits mit Peter Eisenman, Shigeru Ban und François de Menil zusammen, bevor er 2005 in New York und dann auch in Paris sein eigenes Studio eröffnete. Zusammen mit dem New Yorker de Menil hatte er die Privatresidenz des bekannten amerikanischen Galeristen Larry Gagosian gestaltet.

In dem Pariser Appartement ging es auch darum, die 250 Quadratmeter im zweiten Stock eines Gebäudes, das der berühmte Pariser Stadtplaner Baron Haussmann im 19. Jahrhundert entworfen hatte, erst einmal dem Alltagsleben einer modernen Familie anzupassen. Zudem sollte für die Kunstsammlung und die Designermöbel der neuen Besitzer ein zeitgemäßer Rahmen geschaffen werden – und bei allen Eingriffen doch die klassische Ausstattung mit Stuckdecken, kassettierten Wandverkleidungen und Eichenparkett bewahrt werden.

Alireza Razavi ließ den Grundriss unverändert, aber er ordnete die Funktionen der Räume neu. Nach Haussmanns Einteilung lagen Küche und Kinderzimmer im hinteren, dem Hof zugewandten Teil der Appartements, mit direktem Treppenzugang zum Dienstmädchenzimmer unterm Dach. Diesen Bereich trennte ein langer, schmaler, fensterloser Flur vom Elternschlafzimmer und den vier Repräsentationsräumen zur Straße. Der Architekt richtete in der kleinen Küche ein zweites Kinderzimmer ein und machte aus der Speisekammer ein Bad: „So haben die Kinder ihren eigenen Trakt.“ Die Küche aber verlegte er nach vorn, in das einstige Esszimmer, einen großen, hellen Raum, der jetzt der Lebensmittelpunkt der Familie ist. Und wo früher Bacchus-Szenen und üppige Stillleben die Wände schmückten, blitzen nun die knallbunten grafischen Muster. Ins Zentrum setzte er einen eigens für die Küche entworfenen Esstisch mit einer groben Zedernholz- platte. Den Stamm, aus dem sie geschnitten wurde, suchte er selbst aus und ließ ihn unbehandelt: „Das unbehandelte Holz duftet immer noch wunderbar!“

Bei den übrigen Räumen – Salon, Bibliothek, Elternschlafzimmer mit Bad und ein Gästezimmer, das auch als Büro dient – verzichtete Razavi auf neue Wanddekorationen. Stuck und Holzvertäfelungen ließ er sorgfältig restaurieren – aber dann ganz in Weiß streichen. Und eine kleine „Inversion“, wie er es nennt, gestattete sich der Architekt doch noch. Der alte Parkettboden ist in den meisten Zimmern unter einer hellen Auslegeware versteckt, und im Entree wurde er durch Terrazzo ersetzt, in den Bädern durch Gussbeton. Ausgerechnet in der neuen großen Wohnküche aber, wo ein Holzboden eher ungeeignet ist, ließ Alireza Razavi das Eichenparkett aufarbeiten: „Gerade weil das so ungewöhnlich ist, fällt es einem ins Auge.“

 

Autor:
Eva Müller-May
Fotograf:
Nicolas Millet / Basset Images