Vintage Retrolook unterm Reetdach

Im feinen belgischen Badeort Knokke sind die Häuser adrett und mit Schilf gedeckt. Doch eines verbirgt unter seiner traditionellen Hülle einen minimalistischen Kern: Die ideale Bühne für die Vintage-Möbel der Hausherrin.

Es ist das schwarze Schaf unter strahlend weißen Lämmern. Das Haus, das sich Lionel Jadot vor acht Jahren in Knokke, im nördlichsten und nach offizieller Eigendarstellung „teuersten“ Seebad Belgiens, kaufte und umbaute, sticht schon farblich hervor. So sehr, dass es den Behörden des Städtchens ein paar Mahnbriefe wert war. In denen wurde Jadot deutlich darauf hingewiesen, dass die reetgedeckten Häuser an der sogenannten Goldküste nahe dem besonders exklusiven Stadtteil Zoude vor allem eins sein müssen: weiß. Weiß verputzt oder gestrichen, mit weißen Holzfenstern.

Jadots Haus, ursprünglich erbaut in den 1950er-Jahren, aber trägt roten Backstein im Erdgeschoss, im Obergeschoss ist der sogar schwarz gestrichen, und auch die Stahlrahmen der Fenster sind schwarz. Erst nachdem er mit historischen Fotos belegte, dass holländische Bauernhäuser traditionell genau so aussehen, herrscht Ruhe. Vorerst. Denn, so erzählt er lachend, es gebe in der Nachbarschaft sogar erste zaghafte Mitrebellen gegen das weiße Diktat, das Knokke- Zoude so sehr britisch aussehen lässt. Das Haus liegt zwischen dem Ortskern mit seinen 50 Galerien und Luxusshops und Het Zwin, einem Naturschutzgebiet, das für seine seltenen Vogelarten bekannt ist. „Es ist alles ein bisschen overdressed hier“, sagt Lionel Jadot schmunzelnd. „Das betrifft sogar die Häuser.“

Doch er selbst, Jahrgang 1960, Architekt, Interiordesigner und Spross der belgischen Möbelherstellerdynastie Vanhamme, wollte gerade das aber nicht. Er habe sich ein Wochenend- und Sommerferienhaus für seine Familie gewünscht, sagt er, in dem das Leben so unkompliziert und entspannt wie möglich sein sollte, ein Haus, das Pragmatismus ausstrahlt und „eine lässige Coolness“. Jadot ist ein vielseitig interessierter Mann, der – das belegen auch die Kurzfilme, die er drehte und produzierte – viel Sinn fürs Ästhetische (und Kühle) hat und ganz besonders für Überraschungen. „Ich mag es, wenn die Dinge nicht so sind, wie sie auf den ersten Blick scheinen – denn so ist auch das Leben“, sagt er zu den Gedanken, die ihn auch beim Umbau des Hauses geleitet haben.

Autor:
Volker Corsten
Fotograf:
Verne