Wohnreportage Vom Labyrinth zum Loft

Im Londoner Nobelviertel Holland Park rückte Innenarchitektin Federica Gosio einem viktorianischen Juwel zu Leibe: mit Travertin, Eiche, Messing und Designer-Leuchten verwandelte sie drei Etagen in ein lichtes Familien-Refugium.
Wohnreportage London

DAS OBJEKT Ein labyrinthisches Stadthaus
Die erste Begehung verlief ernüchternd. „Es wundert mich“, witzelte Federica Gosio mit ihrem Mann, „dass wir hier keinem Minotaurus begegnet sind.“ Will heißen: Das Haus mit seinen 330 Quadratmetern wirkte wie das Labyrinth in der griechischen Sage. Doch wo die Designerin ein Projekt sah, vermutete ihr Mann ein Problem – die Idee eines Kaufs wurde erst einmal zurückgestellt. Zu verwinkelt die Räume, zu niedrig die Decken, zu spärlich der Lichteinfall. Da half es wenig, dass sich das Haus, dessen obere drei Stockwerke zum Verkauf standen, in bester Londoner Lage am Holland Park befindet. Noch weniger half, dass viktorianische Fassaden hier grundsätzlich unter Denkmalschutz stehen – von den schwarz-weiß gefl iesten Eingangstreppen und den verspielten Glasvordächern bis zu den sahneweißen Stuckfriesen. Hoffnung gab allein die Aussicht, das Innere ganz grundlegend verändern zu dürfen – und genau das reizte Federica Gosio.

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DIE IDEE Lässig verfeinert
Also ließ die gebürtige Mailänderin nicht locker. Gemeinsam mit der italienischen Architektin Arianna Crosetta, mit der sie das Studio Milo in Mailand und London betreibt, begann sie auch ohne Kaufvertrag Ideen zur Umnutzung zu entwickeln. Sie wünschte sich offene Flächen, bei denen Bereiche nach Bedarf voneinander getrennt oder miteinander verbunden werden könnten. Die Etagen sollten einerseits eine warme Atmosphäre für ungezwungenes Alltags- und Familienleben bieten, andererseits glamouröse Einladungen möglich machen. Und: Der Look sollte Einfl üsse früherer Wohnorte widerspiegeln: ein Mix aus New Yorker Coolness und Mailänder Chic.

DIE UMSETZUNG Ein Kraftakt
Mit den Plänen überzeugte die Gestalterin schließlich auch ihren Mann. Doch ihre Ideen konnte sie auch nach dem Kauf nicht schnell realisieren. Erst nach Auseinandersetzungen mit dem Denkmalschutz durfte sie das Treppenhaus versetzen, sodass ein Fenster statt der Stufen nun ein Bad erhellen kann. Ein zweiter Schritt waren Verhandlungen mit dem Besitzer der ersten Etage. Ein unter dem Fußboden verborgener Gastank wurde danach verlegt, sodass Federica Gosio in ihrer Wohnung Höhe gewann. „Die zahlreichen Zwischenwände zu entfernen war danach ein Kinderspiel“, erinnert sich die Designerin. Das Ergebnis macht sie glücklich: Auf der 130 Quadratmeter großen Etage gehen nun drei u-förmig angeordnete Räume hallenartig ineinander über. Nur wenn Besuch kommt, werden die Eichentüren des Portals geschlossen und Schiebeelemente aus den Wänden gezogen. Die 200 Quadratmeter in den Etagen darüber, vom Master Bedroom über das Kinderreich bis zu Gästezimmer, Arbeitsraum und Gym unterm Dach, werden ohnehin nur privat genutzt.

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DIE MATERIALIEN Lebendige Geschichte
Naturmaterialien mit Patina sind Federica Gosios Leidenschaft. So übernahm sie in den Bädern den vorhandenen Travertin-Boden und installierte einen Travertin-Riegel als Ablagefläche über die gesamte Länge des Wohnraumes. „Ich mag den ,wear and tear‘-Effekt. Kratzer und Abnutzungen sind einkalkuliert“, schwärmt sie. „Ich fühle mich erst richtig zu Hause, wenn der lebendige Charakter von Stein, Holz oder Messing zum Vorschein kommt.“ Auf allen Böden ließ sie Dielen aus amerikanischer Walnuss in einem satten Braunton verlegen. Für die Küche entwarf sie eine 3,30 Meter lange Insel mit weißgrauer Platte aus Carrara-Marmor, massiv und skulptural, aber zugleich modern und linear.

DAS LICHTKONZEPT Flächen und Akzente
Um die tiefen Wohnräume trotz der relativ kleinen Fenster gut zu beleuchten, war ein raffiniertes Konzept nötig. Für die Grundbeleuchtung setzten die Gestalterinnen auf die unauffälligen Deckenspots „Kap“. Sie geben warmes Licht ab.

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Ausgewählte Bereiche sind dann mit Designerleuchten effektvoll in Szene gesetzt: Im Portal strahlt „Modo“, ein Glaskugel-Lüster von Jason Miller, über der Kücheninsel erstreckt sich die von Ledergurten gehaltene Leuchte „Long John“ von Niclas Hoflin und über der Sofaecke ragt der „Tube Chandelier“ von Michael Anastassiades auf. Die Leuchte „Attolo“, die einst Vico Magistretti entwarf, setzt ein skulpturales Highlight auf der hinterleuchteten Travertin-Konsole im Wohnraum. Und abends zum Lesen schwenkt die Hausherrin Paolo Rizzattos „265“ über ihre Bettlektüre.

DER LOOK Solitäre, Farbtupfer und Kunst
Das älteste und auffälligste Möbel sorgt bei Einladungen immer wieder für Gesprächsstoff: tonnenschwer erstreckt sich der Eichentisch eines Malteser-Ordens aus dem 11. Jahrhundert quer durchs Esszimmer. „Mein Mann hat ihn mir zu meinem 30. Geburtstag geschenkt mit den Worten ,er ist älter als du und leichter als ich‘“, erzählt Federica Gosio. Graziler dagegen ist die italienische Anrichte aus den 1920er-Jahren, die zur Bar umfunktioniert wurde. Ein weiteres „conversation piece“ ist im Salon das Triptychon des Brasilianers Vik Muniz, eine Kopie von Leonardo da Vincis „Abendmahl“ – aus Schokosirup. „Wir alle mögen diesen eklektischen Raum, der Lese-Abende ebenso möglich macht wie Dinnerpartys“, sagt die Designerin. „Aber wir haben auch jeder ein Lieblingszimmer.“ Für ihren Sohn ist es sein XL-Spielzimmer, für ihren Mann das Gym unterm Dach, von wo er den Blick auf die Umgebung hat. Federica Gosio selbst fühlt sich dort am wohlsten, wo sie von taktilen Oberflächen, schönen Stoffen und Farbtupfern umgeben ist. „Ich mag Moderne und Minimalismus“, sagt sie, „aber in einem monochromen Interior könnte ich nie wohnen.“