Wennschon, dennschon Villa in Hamburg

Phantastischer Ausblick, verwinkelter Grundriss: Am Hamburger Elbhang sollte eine Villa von 1924 modernisiert werden. Weil der Denkmalschutz größere Eingriffe verbot, restaurierten die Bauherrin und ihre Architektinnen das Gebäude umso akribischer – und stellten ihm einen kühnen Neubau zur Seite.

Die zwei Katzen lässt die Treppe völlig unbeeindruckt. Sie rutschen, die Vorderpfoten voran, allmählich die breite Brüstung hinab oder sitzen wie kleine Statuen auf den Stufen und blinzeln ins Licht, als sei dieses monumentale Gebilde allein für sie gemacht. Doch was kann Katzen schon beeindrucken? Menschen, die Ines Van Meenen und ihren Mann in ihrem Haus in Hamburg Blankenese besuchen, nötigt die Treppe dagegen regelmäßig großes Staunen ab: offen, im Raum stehend, führt sie in weitem Schwung vom Eingangsbereich hinab in die Privaträume des Ehepaars. Eine Großskulptur in einem Bett aus weißen Kieseln, vor Ort aus einem Stück geschalt, mit weißem Marmorkalk belegt und mit einem Handlauf aus Edelstahl versehen, dessen Biegung so komplex ist, dass ein Jachtbauer sie berechnen musste. „Als er eingebaut wurde und perfekt passte, bekam der Schlosser feuchte Augen“, erinnert sich die Bauherrin. Die Treppe ist der Star dieses Hauses. In ihr ist schon alles enthalten, was es ausmacht: die Eleganz, der Sinn für Details und Materialien, das Spielerische – und am Ende die schiere Freude, die seinen (zweibeinigen) Besitzern das alles macht.

Vor fünf Jahren kauften Ines Van Meenen und ihr Mann am Elbhang, in Hamburgs begehrtester Lage, eine denkmalgeschützte Villa aus dem Jahr 1924, ein gefälliges, dreigeschossiges Gebäude mit halbkreisförmiger gelber Putzfassade und Sprossenfenstern. Dazu gehörte ein (nicht geschützter) Anbau aus späterer Zeit. Das Innere des Bestandgebäudes war, vom Salon mit Elbblick einmal abgesehen, ziemlich kleinteilig, der Anbau nichtssagend. Aber Ines Van Meenen ist Interior-Profi, sie richtet mit ihrem Büro „Freiraum UG“ hochwertige Großprojekte ein, und ihr Mann, sagt sie, „ist ein Belgier mit Geschmack“ (was häufig vorkommt). Auf jeden Fall „konnten wir uns das gleich alles vorstellen“: heller, großzügiger, moderner.

Freunde empfahlen ihnen das Büro Kirsch Bremer ArtandArchitecture aus Hamburg. In Beate Kirsch und Anja Bremer fanden sie zwei Architektinnen, die Gespür für das Alte und eine klare Vision des Neuen hatten. Ihr Konzept kann man auf die Formel „wennschon, dennschon“ bringen: Weil der Denkmalschutz größere Eingriffe verbot, bewahrten und rekonstruierten sie die historische Substanz um so akribischer. Und stellten der Villa einen kühnen neuen Anbau zur Seite, der sich optisch von ihr absetzt und den Bezug zur Landschaft sucht.

„Wir haben das Alte nicht angetastet, nur später Hinzugefügtes zurückgebaut“, sagt Beate Kirsch: den kleinen Windfang vorm Eingang etwa, oder den Stehbalkon vorm Schlafzimmer. Eine Restauratorin legte die Reste der originalen Wandfarben frei, aus denen ein Farbplan entwickelt wurde. „Das Blassgrün in der Bibliothek hätte ich sonst nicht gewählt“, sagt Ines Van Meenen lachend, „aber da es nun mal der historische Farbton war…“. Sie rekonstruierten die Profilierung der Sprossenfenster, ließen Kamin, Stuck und Leuchten im Salon aufarbeiten und saßen zu dritt oft bis tief in die Nacht über Skizzen und Materialproben, „ohne dass wir merkten, wie spät es war“, erinnert sich Beate Kirsch. Weil sie dabei „strenger waren als die Denkmalschützer“, so Anja Bremer, konnten sie diesen ein paar Zugeständnisse abluchsen. Die kojenartigen Holzeinbauten im Schlafzimmer durften raus, die Wände aufgeschnitten und eine offene Ankleide installiert werden.

Vor der Eingangssituation aber kapitulierten sie. Der schmale Raum, auf den ein kleiner Flur und ein enges Treppenhaus folgen, „das wirkte zusammen eher wie der Zugang zu einem intimen Bereich, nicht wie ein Entree“, erzählt Beate Kirsch. So wurde der Eingang zum Gäste-WC, und das Haus brauchte einen Eingang mit Grandezza. Auch dafür gibt es jetzt den neuen Anbau.

Dieser liegt neben der gelben Villa wie ein gezähmter Fels. Mit seiner schräg gestellten Fassade und vorgelagerten, gestaffelten Terrassen fächert er sich zum Elbverlauf auf und wird so Teil der Topografie: ein Hang im Hang. Seine Verkleidung aus Valser Silberquarzit schimmert je nach Wetterlage mal hell-, mal dunkelgrau, mal blau, wie der Himmel und der Fluss, die sich in den breiten, bodentiefen Fenstern spiegeln. In deren Laibungen sind Pfeiler eingestellt, sie verstärken den Eindruck von Tiefe. „Wir wollten zeigen: Hier geht es in den Berg hinein“, sagt Anja Bremer, weil der Anbau ja in den Hang hineingebaut, bzw., was die Mühen der Bauphase wohl eher trifft, aus dem Stein herausgehauen wurde. Von all dem sieht man wenig, wenn man den Hang hinab über den Weg kommt, der das Grundstück erschließt. Der Neubau bleibt hinter dem Bestandsgebäude verborgen, nur der neue Eingang ist sichtbar – aber hinter diesem hat die geschwungene Treppe ihren Auftritt. Sie liegt im Zentrum unter einem großen Oberlicht. Die Räume gruppieren sich um sie und öffnen sich auch mit Wandausschnitten zu ihr wie zu einem Patio: Eingang, Küche, ein Empfangszimmer, in der Etage darunter Weinkeller, Fitnessraum und der großzügige Wellnessbereich, der wiederum neben Schlafraum und Ankleide des Altbaus liegt.

So entstehen auf beiden Ebenen Durchblicke – zwischen den Räumen, aber vor allem zum Wasser. Vom Eingang kann man durch die Küche hindurch die Elbe sehen. Im Weinkeller wird der Blick durchs Bad auf den Fluss gelenkt. Nebenan in der Sauna sieht man ihn sowieso. Und selbst im engen Treppenhaus des Bestandgebäudes führen kleine verglaste Ausschnitte das Auge zwischen den Schränken der Ankleide und durchs Schlafzimmer hindurch zum Fluss. Wohnen ist ein bisschen wie Kino in diesem Haus, und dabei macht es überhaupt nichts, dass der Film stets „Die Elbe“ heißt. Er ist doch an jedem Tag und von jedem Platz aus gesehen anders – Ines Van Meenen und ihr Mann jedenfalls können nicht genug davon bekommen: „Der Blick überwältigt uns immer wieder.“

Autor:
Gabriele Thiels
Fotograf:
Wolfgang Stahr