Beatrix im Wunderland Wohnen zwischen Kunst und Design

Beatrix im Wunderland: In dem neogotischen Atelierhaus Hôtel des Artistes in New York dürfen bis heute nur Kreative wohnen. So wie die deutsche Künstlerin Beatrix Ost und ihr Mann Ludwig Kuttner: Sie ergänzten die originale Ausstattung mit einem exzentrischen Mix aus Kunst und Design – und schufen Räume wie im Märchen.

Die neogotische Kalksteinfassade ist beeindruckend, das Foyer zeigt Wandmalereien holländischer Schiffe im Hafen von Neu Amsterdam, und der Aufzug gehört zu den letzten in Manhattan, die noch von einem uniformierten Liftboy bedient werden. Nach solcher Pracht fühlt man sich im verwinkelten Flur des obersten Stockwerks erst einmal wieder in ein prosaisches New Yorker Apartmenthaus versetzt. Doch in dem Augenblick öffnet eine Dame mit taubenblauem Haar, burgunderrotem Lippenstift und schwarzer Pelzstola die Tür – und heißt den Besucher in einem Birkenhain willkommen. „Meines Wissens handelt es sich um den einzigen in der ganzen Stadt“, sagt Beatrix Ost, die hier oben zumindest die Illusion von einem Stück verwunschener Natur für ihr Wohlbefinden braucht und einen Freund mit der Erschaffung des Trompe-l’oeil-Wäldchens in ihrer engen Diele beauftragte. Ein paar Schritte weiter betritt man die Lichtung eines acht Meter hohen Raumes mit einem riesigen Atelierfenster, das den Blick weit gen Norden über die Dächerlandschaft und den Westrand des Central Parks freigibt.

Die 85 Wohnungen in den neun Etagen des Hôtel des Artistes, dem prominentesten Gebäude in der denkmalgeschützten Häuserzeile an der West 67th Street, wurden 1910 von dem Landschaftsmaler Henry Ranger für etablierte Kollegen im hellen Stil des sogenannten amerikanischen Mittelalters entworfen. Der Bau bot schon damals alle nur erdenklichen Annehmlichkeiten: ein weiß gekacheltes Schwimmbad im Keller, einen Ballsaal (der heute für Yoga benutzt wird) und einen Speisenaufzug, mit dem Mahlzeiten aus dem berühmten Restaurant im Parterre – Café des Artistes (heute: „The Leopard at Des Artistes”) – in die Apartments befördert werden konnten. Tänzerin Isadora Duncan, Marcel Duchamp und Ellsworth Kelly haben die legendären Ateliers mit ihrem idealen Nordlicht bewohnt, und bis heute werden sie nur an bildende und darstellende Künstler verkauft.

Autor:
Claudia Steinberg
Fotograf:
Sigrid Rothe