Wohnreportage Alles kommt, alles geht

„Eigentlich bin ich kein richtiger Sammler", sagt der Mailänder Architekt Italo Rota. Fast beiläufig sind seine Kollektionen aus Spielzeug, Büchern und Möbeln entstanden. Er hängt sich nicht an jedes Stück, aber sein Loft hat er trotzdem ganz um die Dinge herum organisiert.
Wohnreportage Italo Rota

Anfangs waren es Mineralien. Es folgten Barbiepuppen, Kunststofffiguren, Spielzeugtiere der 1930er, Comics, Bücher und Objekte der sowjetischen Raumfahrt sowie Designstücke. Zusammengetragen hat das alles der Mailänder Architekt Italo Rota in einem langen und erfolgreichen Leben. „Dabei bin ich gar kein richtiger Sammler“, untertreibt er. „Alles kommt und geht.“ Und katalogisiert sei ohnehin nichts, „nur die Bücher, die bleiben für immer“. Sie bestimmen die Atmosphäre in seiner 350 Quadratmeter großen Wohnung in Mailand.

Wohnreportage Italo Rota

Vor fünf Jahren wollten Rota und seine Frau Margherita Palli sich vergrößern – warum wohl? – und zogen in ein Loft im Osten Mailands. Neben mehr Wohnraum bot der lang gestreckte Bau, der früher einmal als Lager gekauft worden war, auch einen Garten, der von Vögeln und Fledermäusen bewohnt wird. Das ist eine Seltenheit in Mailand, und vielleicht noch seltener ist die extra lange Gartenfront. Den Interessen der Bewohner kommt das entgegen, sie lieben die Natur. Wohn- und Esszimmer sowie die Bibliothek sind deshalb mit hohen Fenstern zum Grün hin orientiert. Quer zu dieser Achse befinden sich, jeweils an den Enden des Wohnbereichs, Küche sowie Schlafzimmer mit Bad. In einer oberen Ebene, die in die hohen Räume hineingezogen ist, gibt es noch zwei zum Teil offene Galerien. Darauf befinden sich das Büro von Margherita, ein Leseraum für Italo sowie die Ankleide.

Wohnreportage Italo Rota

Doch bestimmend für die Atmosphäre bleiben Bücher und Sammelobjekte. Überall finden sich Regale und Ablageflächen. Die Wohnung spiegelt damit das kreative Universum zweier Intellektueller, die in der Welt herumgekommen und international erfolgreich sind. Er als Architekt, sie als Bühnenbildnerin an der Scala und im Theater. Die erwachsenen Kinder, Sohn und Tochter, leben in Paris. Dort war die Familie 20 Jahre lang zu Hause. Mit Gae Aulenti hat Rota am Interior des Musée d’Orsay gearbeitet, dann an dem des Centre Pompidou. Weiter ging es mit einem Teil des Louvre und in Mailand mit dem Museo del Novecento auf dem Domplatz. Immer wieder zog es ihn nach New York und Mumbai, und sein architektonisches Werk zeugt genau wie seine Sammlung von weitgestreuten Interessen. Es umfasst Entwürfe für eine Roboterfabrik in Bergamo und einen Tempel in Indien, Wohnexperimente in Nantes, temporäre Architekturen für Ausstellungen, Hotelbauten in verschiedenen Städten, Kirchen, Kindertheater, Bibliotheken und Büros.

Ende der 1990er-Jahre wurde Rota wieder in seiner Heimatstadt Mailand sesshaft. Als Stadtrat befasste er sich mit der Lebensqualität in der Metropole – und mit der Müllabfuhr. Heute leitet er die DesignSchulen Naba und Domus und sagt: „Man kann Veränderungen erzielen ohne zu bauen. Wissen Sie, wie viele Menschen in den vergangenen Jahren in Mailand ihr Auto aufgegeben haben?“ Seine Augen funkeln.

Wohnreportage Italo Rota

Es ist dieselbe Leidenschaft und Rastlosigkeit, die ihn längst auch als Sammler prägt, da kann er sagen, was er will: So begeistert, wie er den Schutzhelm des Kosmonauten Leonow zeigt, den er in St. Petersburg bei einer Auktion ergatterte. Oder wie er in Propagandaheften der UdSSR blättert, Bücher von Tatlin und Malewitsch aus dem Regal zieht und dann weiter streift zu einer Erstausgabe von Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“. Zuletzt, erzählt er, sei noch ein weiteres Sammelgebiet hinzugekommen: ausgestopfte, ausgestorbene Tiere. Bis jetzt sind es vor allem Vögel, doch kann man davon ausgehen, dass das Loft bald noch von weiteren Kreaturen besiedelt wird. Irgendwann einmal, so sein Traum, soll die Kollektion in den Besitz einer öffentlichen Stiftung überführt werden. Museales Format hat sie schon heute.

Autor:
Cecilia Fabiani