Wohnreportage Boulevard der Farben

Eine klassische Pariser Wohnung aus der Ära Haussmann wird komplett erneuert. Mit Stilwillen, überraschenden Farben und interessanten Möbeln steht sie für eine Belle Époque - Stand 2017.
Boulevard der Farben

Wir hatten sofort ein gutes Gefühl bei der Architektin! Sie hat uns in nur fünf Monaten einen wunderbaren Rückzugsort geschaffen!“ Die Besitzer der frisch renovierten Altbauwohnung in der Nähe des Boulevard Malesherbes in Paris sind begeistert. Von ihrer Wohnung. Und der Innenarchitektin, die sie gestaltet hat, Olivia Charpentier von GCG Architectes. Und auch die ist begeistert von ihren Klienten: „Katrin und Alexandre waren für uns die bisher besten Kunden! Sie gaben uns alle Freiheiten, die wir uns wünschen konnten.“ So viel Glück ist sogar in der Interior-Branche ungewöhnlich, bei der es doch vordringlich um schöne Dinge geht. Und besonders hier im 17. Arrondissement, wo der Umbau für viele Konflikte gut gewesen wäre. Eine gründerzeitliche Wohnung, die seit den 1970ern nicht mehr restauriert worden war, sollte erneuert werden. 320 Quadratmeter in einem klassischen Pariser Gebäude, darin neun Zimmer, zusammengehalten durch einen engen Flur. „Die Farbe blätterte von den Wänden“, erinnert sich Olivia Charpentier, „der Stuck war zum Teil zerstört, der Eichenparkettboden mit fleckiger Auslegeware bedeckt und im Gäste-WC fanden wir eine Toilette aus Holz, die aussah wie ein Thron.“

Boulevard der Farben

Es ist Mittwochabend, 20.00 Uhr. Lokaltermin mit den Bauherren in ihrer Wohnung. Katrin und Alexandre, beide Wirtschaftsanwälte, haben lange Arbeitstage und sind verspätet. Also öffnet das Kindermädchen die Tür. Sie hat Heidi, die Tochter des Paares, auf dem Arm. Beim ersten Blick in die Wohnung wird klar: Wir erleben die geglückte Transformation einer Wohnung aus der Epoche des Pariser Stadtplaners Haussmann. Die größte Überraschung: keine Spur mehr von dem schmalen Flur. Gleich hinter dem Eingang geht es in ein weites Entree mit Glaswänden zu einem kleinen Salon links und rechts zum Esszimmer. Der zweite Eindruck: Überall an den 3.40 m hohen Wänden fallen interessante Farbkombinationen auf. Grün mit Weiß und Rot. Rosa und Dunkelblau. Gelb und Anthrazit. Jeder Raum ist eigen und doch auf die anderen bezogen. Blau gestrichene Fensterrahmen helfen, einen ästhetischen Zusammenhalt herzustellen.

Boulevard der Farben

Als ihre Mutter nach Hause kommt, ist Heidi nicht mehr zu halten. Es ist Zeit für die Flasche, ihr gemeinsames Ritual am Abend. Katrin macht es sich mit ihrer Tochter auf dem Sofa bequem und erzählt von dem Umbau. „Wir suchten eine größere Wohnung, als Heidi auf die Welt kam. Alexandre hat bereits drei Söhne aus erster Ehe. Wir brauchten mehr Wohnfläche.“ Eine typische Patchworkfamilie also, die Jungs leben mit ihrer Mutter um die Ecke und sind regelmäßig hier. „Die einzige Bedingung für den Umbau“, berichtet Katrin, „war eine große Wohnküche.“ Denn eine Küche gab es zuvor, wie immer bei Haussmann, nur in der hintersten Ecke – ungeliebt wegen der Gerüche und nur vom Hauspersonal bevölkert. Nun transformierte Olivia Charpentier das ehemalige Esszimmer zur Wohnküche. „Sie ist das Zentrum unserer Wohnung geworden“, berichtet Katrin. In dem ehemaligen Küchenbereich befinden sich nun das Elternschlafzimmer, die Ankleide und ein Duschbad.

Boulevard der Farben

Es ist 20.45 Uhr, als Alexandre heimkommt. Sein Ritual: Er bringt Heidi ins Bett. Katrin schlägt die Besichtigung vom Rest der Wohnung vor. Ein Flur hinter dem kleinen Salon ist vom alten Grundriss geblieben. Er schließt den Wohn- vom Schlafbereich mit drei Bädern ab. Hier liegen auch die Zimmer der Söhne. Überall verstecken sich Einbauschränke. Aus dem in Hellrosa gestrichenen Mädchenzimmer ist leise die Stimme Alexandres zu hören. Er liest seiner Tochter eine Geschichte vor.

Eine Viertelstunde später wird in der Küche das Interview beendet. Alexandre holt aus dem maßgefertigten Weinschrank eine Flasche Sancerre, sie ist auf perfekte zwölf Grad gekühlt. „Der Einbau des Schranks dauerte länger als der Umbau der gesamten Wohnung“, erzählt Alexandre und lacht. „Ma petite folie!“ Gab es sonst wirklich gar nichts beim Umbau zu beanstanden? „Na ja, mit der grünen Decke im Esszimmer konnte ich mich zunächst nicht anfreunden“, gesteht er. „Uns kam das Grün-Weiß-Rot vor wie die italienische Flagge. Ich fühlte mich wie in einer Pizzeria.“ Erst als die blau-weiße Tapete „Jardin d’Osier“ von Hermès das Bild vervollständigte, erfasste Alexandre die Farbidee der Architektin: „Jetzt war alles perfekt für uns!“

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Autor:
Eva Müller-May
Fotograf:
Nicolas Mathéus/Basset Images