Wohnreportage Logenplatz in London

750 Quadratmeter Wohnfläche – da, wo London am begehrtesten ist: In einem viktorianischen Gebäude vis-à-vis der Royal Albert Hall ließ ein Schweizer Ehepaar zwei Apartments zusammenlegen und renovieren. Architektin Teresa Sapey verlieh den weitläufigen Räumen mit einem klaren Farbkonzept und eigens entworfenem Mobiliar Grandezza und Leichtigkeit.

Oh, Land of Hope and Glory. Man steht auf der Terrasse eines Apartments in den Albert Hall Mansions und glaubt, die patriotische Hymne von Edward Elgar zu hören. Die viktorianische Londoner Wohnanlage liegt direkt gegenüber der Royal Albert Hall, sodass jene Komposition, die hier bei den Promenadenkonzerten immer den Schlussakkord bildet, durchaus herüberschallen könnte. Direkt nebenan lockt der Hyde Park, Kensington Palace ist nur einen Steinwurf entfernt. Kurz: Eine bessere Adresse gibt es kaum in der britischen Hauptstadt, und die Wohnung, von der hier die Rede ist, kann in Größe, Ausstattung und Stil dem Anspruch dieser Lage ganz und gar gerecht werden. Die Grandezza des Ambientes nimmt einem schier den Atem: Weite, lichtdurchflutete Räume mit modernen Klassikern, eigens entworfenen Sitzmöbeln und extra gefertigten Teppichen. So hatten die neuen Eigentümer, ein Schweizer Ehepaar mit 15-jähriger Tochter, es sich gewünscht. Mit Umbau und Gestaltung beauftragten sie die Architektin Teresa Sapey. Wir sprachen mit ihr über dieses außergewöhnliche Projekt.

A&W: Frau Sapey, Sie sind eine italienische Architektin mit Studio in Madrid und haben in London ein Apartment für eine Schweizer Familie entworfen. Wie kam es dazu?
Teresa Sapey: Das klingt ungewöhnlicher, als es ist. Die Auftraggeber kenne ich einfach seit Langem. Die Ehefrau ist sehr kultiviert und schätzt meine Arbeit. So kam es zu diesem Auftrag.

A&W: Lebt die Familie denn ständig in London?
T.S.: Eigentlich war es so gedacht, aber das Leben spielt ja oft anders. Die Eltern kommen zwar regelmäßig hierher, aber jetzt ist die Wohnung hauptsächlich für die 15-jährige Tochter bestimmt, die hier später Musik studieren möchte.

A&W: Wurde deshalb auch gezielt nach einer Wohnung nahe der Royal Albert Hall gesucht?
T.S.: Nicht direkt. Die Idee war, dass die Tochter in einer internationalen Atmosphäre aufwachsen sollte, und London ist nun mal die Hauptstadt der Welt. Außerdem wünschte sich die Familie viel Platz, keine Treppen und den Hyde Park in der Nähe, auch ein altes Gebäude mit viel Licht und hohen Decken, also einem Mix aus viktorianischer Größe und französischer Eleganz. So etwas ist in London nicht leicht zu finden.

A&W: In der Royal Albert Hall wird nicht nur klassische Musik gespielt. Gerade gastiert hier Bob Dylan. Schallt etwas von den Konzerten herüber?
T.S.: Nichts. Niente. Zero.

A&W: Das Apartment ist einfach riesig.
T.S.: Das kann man sagen: 750 Quadratmeter mit zwei Eingängen, zwei Salons und fünf Schlafzimmern. Es sind eigentlich zwei Wohnungen, die zusammengelegt wurden.

A&W: War dazu eine Erlaubnis nötig?
T.S.: Sicher. Weil die Stadtverwaltung in solchen Fällen Sorge hat, dass zahlungskräftige Ausländer britische Familien verdrängen. Zudem steht das Gebäude unter Denkmalschutz, „Grade II“.

A&W: Was bedeutet das?
T.S.: Jede bauliche Änderung muss man genehmigen lassen. Tragende Wände und mit Stuck verzierte Elemente dürfen nicht verändert werden. Was wir, nebenbei bemerkt, gar nicht gewollt hätten. Und als Architekten und Interiordesigner sind wir es ohnehin gewohnt, mit solchen Vorschriften umzugehen.

A&W: Hatten die Eigentümer besondere Wünsche zur Gestaltung?
T.S.: Sie wollten eine entspannte Atmosphäre, keinen Showroom. Und elegant sollten die Räume sein. Schauen Sie sich im Salon um. Hier würde sich auch der spanische König wohlfühlen.

A&W: Vorher lebte hier ein Scheich aus dem Emirat Katar.
T.S.: Ja, ich bin ihm auch begegnet. Bei meinem ersten Besuch legten er und andere Herren im Raum sofort die Hände auf den Rücken, für den Fall, dass ich einfach „Hi“ sagen und die Hand ausstrecken würde. Drei Frauen in schwarzen Tschadors in einem anderen Raum waren dagegen sehr freundlich. Und allmählich wurde mir klar, warum die Wohnung auf mich so seltsam wirkte. Sie bestand hauptsächlich aus Schlafzimmern. Der Scheich hatte drei Frauen, die für ihn gleich wichtig waren und deshalb ein Anrecht auf identisch große Privaträume hatten. Einer davon ist heute das Musikzimmer.

A&W: Es scheint das Herz der ganzen Wohnung zu sein.
T.S.: Weil es die Verbindung zwischen den beiden Wohnungen bildet. Wir haben ihm deshalb eine besondere Identität gegeben, mit den auf die Wand gemalten Mohnblüten. Sie waren typische dekorative Motive im 19.Jahrhundert.

A&W: Sie scheinen sich sehr gründlich mit der Geschichte eines Gebäudes zu beschäftigen, bevor Sie ein neues Projekt anfangen.
T.S.: Das gehört dazu. Die Mohnblumen hatten eine symbolische Bedeutung. Sie standen für Optimismus.

A&W: Für die Wandverkleidung in der Küche haben Sie sich offenbar von den Pflanzenfotografien von Karl Blossfeldt inspirieren lassen...
T.S.: Wir wollten einfach ein Motiv, das nicht „normal“ ist für eine Küche und den Raum so ein wenig verfremdet.

A&W: Wie stellen Sie die Möbel und Accessoires zusammen? Haben Sie da bevorzugte Marken und Designer? Wo finden Sie Einzelstücke?
T.S.: Philippe Starck ist ein Genie, er hat die Design-Geschichte verändert. Ich liebe Stühle von Verner Panton, Leuchten von Achille Castiglioni und auch von Michael Anastassiades, und den Stil von Gio Ponti und Patricia Urquiola. Antiquitäten finde ich überall auf der Welt.

A&W: Wie lange dauerte die Renovierung des Apartments?
T.S.: Drei Jahre. Die Zusammenarbeit mit den Handwerkern war eine sehr gute Erfahrung, weil wir alle Geschichte erhalten, nicht zerstören wollten.

A&W: Hatten die Vorbesitzer denn die originalen Details beschädigt?
T.S.: Nein, aber sie waren gut versteckt. Wir haben vieles unter dem Putz entdeckt und restaurieren können.

A&W: Was ist Ihnen lieber? Klienten, die Sie einfach machen lassen, oder solche, die den Austausch suchen?
T.S.: Austausch ist mir wichtig. Ich möchte die Geschichte meiner Klienten kennen, gleichzeitig lernen sie mich und meine Arbeit kennen. Meistens werden wir Freunde.

A&W: Kehren Sie gern in Wohnungen zurück, die Sie einmal gestaltet haben? So perfekt wie bei der Übergabe werden sie ja nie mehr sein.
T.S.: Veränderung ist doch TeiI jeder Geschichte. Ich verliebe mich einfach in das nächste Projekt.

A&W: Kann man auch mit einem normalen Budget und in kleineren Räumen eine glamouröse Atmosphäre schaffen?
T.S.: Aber ja. Meine Empfehlung lautet: Einen Profi engagieren und entspannt bleiben. Dann sind die wunderbarsten Dinge möglich.

A&W: Wie sieht es eigentlich in Ihrer eigenen Wohnung aus?
T.S.: Mein Zuhause ist ein Desaster (lacht). Weil ich dauernd etwas umgestalte. Aber so ist doch das Leben!

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Autor:
Josephine Grever
Fotograf:
Mads Mogensen