Wohnreportage Wohnen ohne Ende

Ein exzentrischer Laie baute sich in den Fünfzigern in Kopenhagen ein kreisrundes Haus. Die Architektur ohne Architekt zeigt auch heute noch erstaunliche Qualität - auch, weil der neue Besitzer sie mit cleveren Umbauten und starken Farben kongenial erfrischte.

Einfach rund – seltsam, dass eine elementare Form in der Architektur so viel Aufmerksamkeit erregt. Doch so war es bei dem „Runden Haus“ in Kopenhagen, als es in den frühen Fünfzigerjahren errichtet wurde, und auch noch mehr als fünf Jahrzehnte später, als es Artdirector Jacob Holm sah. Täglich ging er mit dem Kinderwagen daran vorbei. „Ich blieb immer wieder davor stehen. Es hat mich fasziniert“, erinnert er sich. Als der Bau 2008 zum Verkauf stand, nutzten er und seine Frau Pia Milwertz die Gelegenheit und erwarben ihn für sich und ihre Kinder.

Sie kauften damit nicht nur ein Haus mit einer prägnanten Form, sondern auch eines voller Geschichten. Seine Entstehung ist untrennbar mit dem Namen Carl Frederik Nielsen (1909–1972) verbunden. Der war ein Universaltalent und Tausendsassa, ein Erfinder und Bastler, war Theaterautor und Komponist, Chemiker und ein selbst ernannter Architekt. Als solcher baute er sein Haus 1951 mithilfe eines eigens konstruierten Krans. Diesen platzierte er in der Mitte des Fundaments, der geschwenkte Ausleger, mit dem die Ziegel gehoben wurden, sorgte für die makellose Kreisform. Die Baugenehmigung erhielt Nielsen mit dem Argument, dass mit diesem Grundriss dreißig Prozent an Material gegenüber einem konventionellen Entwurf eingespart würden. Und dass die Rundung den rauen, nordischen Wind gut ableiten würde – alles energetische Argumente, lange bevor von nachhaltigem Bauen die Rede war.

Die Architekten jener Zeit betrachteten das Haus allerdings mit gemischten Gefühlen. Einerseits blickten sie auf den Dilettanten Nielsen herab, andererseits lockte die Neugier sie doch zu Exkursionen in den Stadtteil Søborg. Sogar der große Arne Jacobsen, der seine Karriere 1929 mit dem – nie verwirklichten – Entwurf eines kreisrunden Zukunftshauses begonnen hatte, pilgerte hierher – ein Nachbar war Zeuge von angeregten Diskussionen zwischen Nielsen und seinem Besucher. Jacobsen baute sein erstes rundes Haus erst fünf Jahre später im Ort Havnebyen für Leo Henriksen, den Direktor einer Fischräucherei. „Det runde Hus“ von Carl Frederik Nielsen ist so das erste in Dänemark gebaute Rundhaus der Moderne.

Abgesehen von der charmanten Entstehungsgeschichte wartete das Gebäude für die neuen Besitzer mit allerhand Herausforderungen auf. Um mehr Wohnfläche zu gewinnen, baute Jacob Holm mithilfe seines Bruders, einem Architekten, den Keller zum Souterrain aus. Denn die einzige Richtung, in der Raumhöhe gewonnen werden konnte, war nach unten. Bei der Entkernung des Hauses fielen rund vierzig Container Bauschutt an. „Nielsen hatte als der Laie, der er war, sehr viel Material verbaut, mehr als nötig war“, sagt Jacob Holm. Nach der Tieferlegung fand sich im Souterrain Platz für drei Kinderzimmer, einen Hauswirtschaftsraum, einen Weinkeller und ein weiteres Wohnzimmer. „Das Haus ist ohnehin viel größer, als es von außen aussieht“, sagt Holm, „das liegt an seiner runden Form. Wir haben 272 Quadratmeter.“ Eine andere Veränderung fand ganz oben statt. Das Turmzimmer, welches jetzt ein Badezimmer beherbergt, wurde um einen halben Meter angehoben. So war darunter Raum für ein Band von Fenstern, die Tageslicht in das eigentlich fensterlose Treppenhaus bringen. Die Struktur des Hauses ist ansonsten denkbar einfach. Es besteht aus vier Ringen. Außen liegen die Zimmer, es folgt ein Flur, dann die Wendeltreppe und schließlich deren Kern. „Die Rundung ist insgesamt so großzügig, dass man in den Zimmern nicht das Gefühl hat, man könne keine Bilder an die Wände hängen“, sagt Jacob Holm. „Nur die Lichtverhältnisse sind anders, weil die Wände eine sanftere Modulation von Licht und Schatten bewirken.“

Um das Interior zu strukturieren, wählten die Bewohner eine Reihe von kräftigen Farben. „Der Trick war“, erinnert sich Holm, „nicht die Farben zu nehmen, die uns gefielen. Sondern solche, die uns irritierten.“ Auf diese Weise treffen im Treppenhaus intensives Pink und Rot aufeinander, gleich daneben sind die Böden mit blauem Linoleum belegt. In der Küche wird das Gelb um die Ecke geführt, sodass die Farbe objekthaft und dreidimensional erscheint.

Ausgestattet sind die Räume vor allem mit Vintage-Möbeln. Die Lieblingsdesigner von Jacob Holm sind Finn Juhl und Verner Panton, und seine Frau hat eine Sammlung von dänischen Porzellanfiguren zusammengetragen, für die es in Zeiten der politischen Korrektheit nicht wirklich eine Bezeichnung gibt – nennen wir sie Reliefbüsten aus den 50er-Jahren mit afrikanischen Motiven. Als wandfüllende Installation gewinnen die Figuren allerdings einen überraschend zeitgenössischen Reiz. Daneben finden sich in dem Haus Stücke von Hans Wegner, Børge Mogensen, Poul Kjærholm, Poul Henningsen und vielen anderen. Der Umgang mit den Möbeln ist eher entspannt als museal. „Wir mögen es nicht, wenn alles zu perfekt ist“, sagt Holm, „die Stücke werden für uns durch leichte Beschädigungen noch schöner.“

Nicht so das Haus. Es wurde über die Jahre zu einem Lebensprojekt von Jacob Holm, seiner Frau und seinem Bruder – und wie es so ist mit starken Projekten: Sie machen Lust auf mehr. Deshalb will Holm das Haus nun verkaufen und das Geld in eine Sechzigerjahre-Kirche investieren, die er in der Nähe entdeckt hat. Deren Grundform ist dreieckig – was man daraus alles machen kann!

Autor:
Christian Tröster