Japanisches Haus mitten in New York Zen and the City

In sein New Yorker Loft setzte der Tischler und buddhistische Soto-Priester Paul Discoe ein traditionelles japanisches Haus. Das Holz für den Einbau stammt von Kranken und entwurzelten Bäumen, dem er durch diese Veredelung seine Aura zurückgab.

Noch ehe sich das Auge an das Dämmerlicht der Diele gewöhnt hat, bemerkt man das feine, herbe Parfüm, das Ulmen, Fichten, Zedern und Kiefern verströmen. Es ist schon einige Zeit her, dass sie zu Pfosten, Balken und Möbeln verarbeitet wurden, doch der Duft bleibt bestehen. Ganz plötzlich spürt man dann die dichte Stille, die in diesem Apartment herrscht. Sie nimmt von jedem Besucher Besitz. Kaum hat man die Schuhe abgestreift und den erhöhten, mit Tatami- Matten ausgelegten Boden betreten, dämpft man die Stimme fast zum Flüsterton. Und wenn man sich dann auf einem der beinlosen Stühle niederlässt und auf den Steingarten im Zentrum der Wohnung blickt, glaubt man sich in ein traditionelles japanisches Landhaus versetzt. Wäre nicht durch die hohen Fenster der Stahlpanzer des Nachbargebäudes zu sehen.

Mitten in Manhattan wurde ein fast 300 Quadratmeter großes Loft in der siebten Etage eines Art-déco-Gebäudes zum Haus im Haus umgebaut: East meets West im East-Village. Das japanische Ambiente ist das Pied-à-terre eines Tischlers aus Kalifornien, der zugleich Soto-Priester ist. Sein Name: Paul Discoe, 68 Jahre alt. Er hatte ein Grundstudium in Philosophie und Kunstgeschichte absolviert, als er Ende der 60er-Jahre mit Zen-Buddhismus in Berührung kam. Damals besuchte er das neu gegründete Tassajara-Zen-Kloster in der Nähe von Big Sur. „Ich hatte drei Tage geplant und blieb vier Jahre“, sagt er.

So wurde Paul Discoe der achte Jünger des Klostergründers Shunryu Suzuki-roshi. Der schickte ihn nach Japan, um die hohe Kunst des Tempelbaus zu erlernen. Die Ausbildung fordert spirituelle Konsequenz und manuelle Präzision. „Zen wird entgegen der allgemeinen Auffassung mit großer Geschwindigkeit praktiziert“, sagt Paul Discoe. „Man braucht höchste Konzentration und eine unfehlbare Technik.“ So durfte er monatelang nichts anderes als Planken hobeln, die dann zu seiner großen Enttäuschung nicht einmal als Baumaterial, sondern nur als Brennholz endeten.

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Autor:
Claudia Steinberg
Fotograf:
Bärbel Miebach