Wohnreportage Zu viel ist nicht genug

Mit drastischen Farben, harten Kontrasten und Kunst im Kingsize-Format gestaltete Designerin Ghislaine Viñas das New Yorker Twonhouse einer Galeristen neu. Die Effekte steigern sich gegenseitig und schaffen eine Atmosphäre gut gelaunter Eleganz.

Immer wieder verlangsamen Passanten auf der Warren Street in Tribeca ihren Schritt, um den Blick in ein modernisiertes Townhouse zu werfen. Hinter dessen großem Fenster im Erdgeschoss offenbart sich ein Wohnraum voller Überraschungen. Ein Kronleuchter aus Pingpongbällen ist da zu sehen, eine gepunktete Tapete, die sich über Wand und Decke erstreckt, sowie ein monumentales Selbstporträt des brasilianischen Künstlers Vik Muniz. So freizügig öffnet sich dieser Raum zur Warren Street, dass viele ihn für das Entree eines Boutique-Hotels halten: „Jeden Tag klingelt jemand bei mir, um sich nach dem Preis für ein Zimmer zu erkundigen“, sagt die Hausherrin, die Galeristin Paige West. Als Kuratorin und Autorin des sehr erfolgreichen Buchs „The Art of Buying Art. An Insider’s Guide to Collecting Contemporary Art“ ist sie in New York keine Unbekannte. Und sie sagt über sich selbst: „Ich bin süchtig nach zeitgenössischer Kunst.“ So ist auch ihr Haus von der Freiheit der New Yorker Kunstszene inspiriert und von dem Willen, vermeintlich vorgegebene Grenzen infrage zu stellen. Je nach Perspektive mag man das verrückt oder kreativ, furchtlos oder phantasievoll finden. Langweilig ist dieses Gebäude jedenfalls an keiner Stelle.

„Wir haben die Ordnung der Dinge auf den Kopf gestellt“, erklärt denn auch Architekt Jeshua Paone aus dem Büro DDG das Konzept. Er wurde mit der Modernisierung des alten Hauses beauftragt und legte „die Gesellschaftsräume nach oben, das Schlafzimmer über die Eingangshalle und den Vorgarten auf das Dach“. Diese Umkehrung der konventionellen Raumfolge hat das Haus – immerhin – mit dem Guggenheim Museum gemeinsam: Statt ein paar Stufen in die Belle Etage hochzusteigen, wie es sich für ein New Yorker Stadthaus gehört, werden Besucher der Warren Street also per Aufzug in den vierten Stock befördert. Dort beginnt in einem starkfarbigen Auftakt Paige Wests Imperium des persönlichen Maximalismus. Ausladende, mit Blumenmuster überzogene Fauteuils sind um einen runden Teppich platziert, der so blau und pudrig ist wie aus purem Pigment, ein schwerer Vorhang im selben Ton und eine Hängelampe von Dorothy Draper in Signalorange verraten die Lust an poppigen Kontrasten – so viel Komplementärfarbe war selten in einem Wohnzimmer. Der Mut zum Knalleffekt verbindet Paige West mit ihrer Innenarchitektin Ghislaine Viñas. „Paige hat keine Angst vor Intensität“, weiß die, „alles Zahme und Schüchterne langweilt sie, wir stacheln uns gegenseitig an“.

Der gemeinsame Wille zur Gestaltung macht auch vor dem Treppenhaus nicht halt. Was anderswo als Verkehrsfläche meist ein Dasein im Schatten führt, wird hier mit einer monumentalen Kunst-Stele aus Styropor inszeniert. Der Künstler Jason Rogenes gestaltete sie aus maschinengeformtem Verpackungsmaterial. Daran vorbei führt die Treppe in ein Esszimmer mit schwarzen Möbeln und dunkel gestreiften Wänden. Ein Gemälde von Ian Monroe wirkt darin wie das Fenster in eine Welt, in der geometrische Objekte dem Nachthimmel entgegenfliegen. Gegenüber steht eine Arbeit des Chilenen Iván Navarro: drei Neonpforten in satten Primärfarben, wie sie sich Ghislaine und Paige nicht besser hätten ausdenken können. In der Mitte des Zimmers schließlich umschließen zwei tiefschwarze Sofas einen Tisch aus weißem Fiberglas. Der Essplatz aus schwarz gebeizter Eiche ist von Stühlen umringt, auf deren Sitzpolstern jedes Familienmitglied das Bild seines Lieblingsgerichts verewigen durfte, von der Pizza über den Cheeseburger bis zum Sushi.

Eine Etage tiefer liegt das Reich von Paige Wests Söhnen, dem neunjährigen Charlie und den Zwillingen Jack und Fred, 7. Ein roter Doppelstreifen, Anspielung auf „Speed Racer“, einer Zeichentrickserie der 1960er über Rennfahrer, läuft an den Wänden entlang, ein Spielzimmer geht nahtlos in das nächste über. Kunst fehlt auch hier nicht. Der Älteste schläft unter einem Bild von Gabriel Fantauzzi, den Raum der Zwillinge verzierte Mark Maltroni mit surrealen Wandgemälden. Die Kunstwerke, gibt Ghislaine gern zu, hätten dem Haus erst „seine Seele eingehaucht.“ Für den leichtherzigen, phantasievollen und spielerischen Geist darüber hinaus zeichnen jedoch beide Frauen verantwortlich. „Wir haben gemeinsam theatralische und ganz persönliche Räume inszeniert, in unserer gemeinsamen Designsprache“, erklärt die Designerin und betont, dass das alles kein Selbstzweck sei: „Ich glaube fest, dass es eine Ästhetik des Glücks gibt: Sie basiert auf klaren Farben und freundlichen Formen wie Punkten, Kreisen und Kugeln und auf dem furchtlosen Einsatz energiegeladener Farben.“