Die Inhalte des aktuellen Hefts in der Übersicht

Alle Infos aus dem aktuellen Heft der A&W finden Sie hier im Überblick. Freuen Sie sich auf viele spannende Artikel und Reportagen rund um Architektur und Wohnen!

AW 012019

Das Bauhaus wird 100, und D Deutschland dreht durch. So kommt es mir jedenfalls gerade vor, besonders, was die Design- szene angeht. Über 60 Ausstel- lungen zu dem Thema erwarten Sie im ganzen Land, erste Uhren und Fernseher im Bauhaus-Look sind bereits vorgestellt. Mir geht es ein bisschen wie jedes Jahr an Weihnachten. Zu viel von allem und immer viel zu früh. Relativ spät habe ich mich persönlich mit dem Bauhaus auseinandergesetzt. Ich gestehe, dass ich erst einige Jahre nach meinem Architekturstudium den Weg nach Dessau-Roßlau fand, auf der Rückreise von einem unvergessenen Berliner Electro- Wochenende, das im Berghain endete. Das hatte nichts mit Ignoranz zu tun; während meiner Studienzeit schien das Bauhaus vielmehr Geschichte zu sein als Gegenwartsbewältigung. Immerhin studierte ich in einem Deutschland, das den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses beschlossen hatte und den Palast der Republik abreißen ließ und in dem der Berliner Bausenator Hans Stimmann im Namen der kritischen Rekonstruktion ganze Vorkriegs- straßenzüge in Mitte wiederauferstehen lassen wollte. Mühsam hatte ich meine beste Freundin überredet, doch endlich dort in Dessau vorbeizuschauen. Auch wenn sie völlig übernächtigt und ich ehrlich gesagt kaum fahrtüchtig war: Als der Wagen in die Gropiusallee einbog, war ich schlagartig hellwach. War es die kontrastierende Spießbürgerlichkeit der Umgebung oder die Nachwirkung unerlaubter Disco-Substanzen? Meine Freundin sah mich besorgt an, als ich mit einem Satz aus dem Wagen sprang, als müsse ich mich übergeben. Nein, ich war, nur mit der Kamera in der Hand, direkt losgerannt und hatte mich im Inneren verloren. Für mich war beim ersten Blick klar: Das hier ist eine Bewegung ganz anderer Art als Techno. Jenseits von weißen Kisten, bunten Farben und all diesen furchtbaren Klischees kann ich nur jedem empfehlen, sich selbst ein Bild vor Ort zu machen, bevor er oder sie glaubt, auch noch seinen Senf dazugeben zu müssen. Genau dazu soll diese Ausgabe anregen: sich kritisch einer Bewegung zu nähern, die als Kunstschule gegründet wurde mit dem Ziel, die Kunst von der Industrialisierung zu emanzipieren und das Kunsthandwerk wiederzubeleben. Wie aktuell! Einer Bewegung, die so ausgesprochen vielschichtig war, wie Margit J. Mayer in ihrem Essay beschreibt, dass sie überhaupt 100 Jahre Bestand haben konnte. Wie aktuell! Und einer Bewegung, deren Spuren Jan van Rossem bis nach Tel Aviv gefolgt ist, auf den Pfaden vertriebener Kreativer. Wie traurig und wie aktuell! Über allem schwebte die Frage: Welcher Designer vertritt heute einen ähnlich radikalen, reduzierten, zugleich poetischen Ansatz wie ein Henry van de Velde oder ein Walter Gropius? Wir hoffen, unsere Antworten überzeugen auch Sie, und wünschen eine angenehme Lektüre.  Jörn Kengelbach