Die Inhalte des aktuellen Hefts in der Übersicht

Alle Infos aus dem aktuellen Heft der A&W finden Sie hier im Überblick. Freuen Sie sich auf viele spannende Artikel und Reportagen rund um Architektur und Wohnen!

AW Ausgabe 5/2018

Die Großstadt lernt derjenige richtig zu schätzen, der in der Provinz aufgewachsen ist. Meine erste war Berlin, der schlafende Riese unter den Weltstädten, jedenfalls im Jahr 1994, als ich dort am Ernst-Reuter-Platz mein Architekturstudium aufnahm. Den Puls des Riesen fühlten wir nachts in den Technoclubs, im Tageslicht präsentierte besagter Riese sich dann ziemlich zahn- los. Mit meinen Kommilitonen turnte ich über die Baustellen am Potsdamer Platz. In Prenzlauer Berg lagen ganze Straßenzüge so brach wie heute das Tempelhofer Feld. Wir redeten uns die Köpfe heiß über die frisch vorgestellten Hochhauspläne von Hans Koll- hoff für den Alexanderplatz, die einen Hauch New York versprühten. Genau dort lernte ich später, was Stadtsein im globalen Rahmen bedeutet.

Heute scheinen die Pläne fast zu klein. Die Verstädterung schreitet rasant voran. Schon vor zehn Jahren lebte mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, 2050 werden es 70 Prozent sein. In Deutschland sprechen Fachleute erstmals seit der Nachkriegszeit wieder von Wohnungsnot. Woraus Gerhard Matzig kürzlich in der „Süddeutschen Zeitung“ unter der Überschrift „Land der Dichte“ ableitete, dass man unsere Städte sehr gut noch verdichten könne, wenn sie benutzerfreundlich, mit Parks und guten Wohnungen, geplant wür- den. Recht so. Berlin könnte mit einer Gesamtfläche von 892 Quadratkilome- tern hier Vorbild sein. Denn es ist zwar so groß wie München, Hamburg und Frankfurt zusammen, aber im Vergleich zu Tokio mit 621 Quadratkilometern rund dreieinhalb mal dünner besiedelt. Ja, Tokio. Die Stadt wäre schon längst erstickt, wenn nicht günstige Hubraumbesteuerungen für kleine Motoren oder Parkplatzpflicht für Autokäufer Dden öffentlichen Nahverkehr beflügeln würden. Wer einmal dort abends auf einer fünfspurigen Ausfallstraße festgestellt hat, dass man Vögel zwitschern hören kann, versteht, was ich meine. Architekt Renzo Piano erzählte mir, als in London das Hochhaus „Shard“ fertiggestellt wurde, dass in die britische Hauptstadt locker die doppelte Bevölkerung rein- passen würde, wenn man es richtig anginge. Reinpassen bedeute aber auch rein- und rauskommen. Laut dem „World Wealth Report“ des Immobilien- unternehmens Knight Frank aus London oder den Kollegen des Magazins „Monocle“ gelten zwar Städte wie Berlin und München als extrem lebenswert, aber die Erreichbarkeit per Direktflug und ins Umland wird in hochmobilen Single-Gesellschaften zum K.-o.-Kriterium.

Ich bin selbst Teil des Problems, verstärke es auch noch, da ich als Single zwischen Hamburg und München pendele. Der Aufstieg der Städte wird nur gelingen, wenn wir auch das Umland attraktiv halten. Selbstfahrende Autos und ultraschnelles Internet könnten ein Comeback der Provinz einläuten und dichte, durchgrünte und vom Autoverkehr befreite Städte könnten die alten Gegensätze zwischen Stadt und Land verschwinden lassen. Vielleicht lerne ich dann wieder, die Provinz zu schätzen.

Jörn Kengelbach