Die Inhalte des aktuellen Hefts in der Übersicht

Alle Infos aus dem aktuellen Heft der A&W finden Sie hier im Überblick. Freuen Sie sich auf viele spannende Artikel und Reportagen rund um Architektur und Wohnen!

AW 05/19

Wer die aktuelle Nachhaltigkeitsdebatte aufmerksam verfolgt, wird sich des Eindrucks nicht erwehren können, dass jeder mittelfristig mit seiner persönlichen CO2-Bilanz dahin zurückmuss, wo seine Großeltern herkommen. Das hat mich im doppelten Sinne umgehauen. Zum einen konnte ich mir nicht vorstellen, dass Oma Kengelbach im frühen 20. Jahrhundert mit Brikett-Ofenheizungen, fehlender Gebäudedämmung und nicht vorhandener Energie-Optimierung besser dastand als heute ihr Enkel. Zum anderen war mir die Dramatik unseres Freizeitverhaltens nicht bewusst: Jeder, der nur einmal im Jahr eine Flugfernreise bucht, ruiniert seine Bilanz: Der Weltklimarat will jedem Menschen durchschnittlich jährlich 2,3 Tonnen des Klimagases genehmigen, ein Flug von München nach New York und zurück verschlingt aber 3,2 Tonnen. Was hat das alles mit dem Bauen zu tun? Ich bin in einem Haus aus Kalksandsteinmauerwerk aufgewachsen, mit Luftschicht und dicker Wärmedämmung. Mein Vater war Ingenieur und ließ das Gebäude 1980 bereits so errichten, dass es schon damals eine erst 1995 eingeführte Wärmeschutzverordnung erfüllt hätte, wie er später einmal stolz ausrechnete. Der Garten wurde umgegraben, um eine riesige Wärmepumpe in den Keller einzubauen. Die bodentiefen Fenster (übrigens so ausgerichtet, dass sie im Winter möglichst viel Sonnenlicht ein ngen) waren extrem gut gedämmt. Die Baukosten erreichten denn auch unfassbare Höhen. Und die CO2-Bilanz? Damals egal, aber mein Dad hatte so ein Gefühl. Heute ist zwar der Strompreis hoch, doch meine Mutter kann entspannt auf Ökostrom umsatteln und erfreut sich an dem weiß getünchten Sichtmauerwerk, innen wie außen. Wenn wir eine Ausgabe wie diese dem Thema Ziegel widmen, tun wir das nicht nur aus ästhetischen Gründen. Natürlich auch, wie Sie unserem Essay über den ältesten künstlichen Baustoff der Menschheit entnehmen können. Ob Sie das Ischtar-Tor im Berliner Pergamonmuseum bestaunen, das Forum Romanum oder jüngst das Lego-Headquarter von Olafur Eliasson – die Begeisterung für das Material bringt für mich keiner besser auf den Punkt als der letzte Leiter des Bauhauses Dessau, Ludwig Mies van der Rohe: „Wie vernünftig ist diese kleine handliche Form, so nützlich für jeden Zweck. Welche Logik im Verband, im Muster und Textur. Welcher Reichtum in der einfachen Mauer äche, aber wie viel Disziplin verlangt dieses Material!“ Doch, und das ist hier wichtig, es handelt sich eben nicht um einen ästhetischen Atavismus. Eine in diesem Frühjahr vorgestellte Studie hat nochmals bewiesen, dass das Bauen mit Mauerziegeln in der CO2-Bilanz dem von Holzbauten ebenbürtig ist. Warum? Die Bauweise selbst hat darauf so gut wie keinen Ein uss, entscheidend sind Energieversorgung und Betriebsdauer. Papa hatte den richtigen Riecher. - Jörn Kengelbach