Die Inhalte des aktuellen Hefts in der Übersicht

Alle Infos aus dem aktuellen Heft der A&W finden Sie hier im Überblick. Freuen Sie sich auf viele spannende Artikel und Reportagen rund um Architektur und Wohnen!

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Der große Auftritt gehört zur Architektur seit jeher wie ein schön gedeckter Tisch zu einer festlichen Mahlzeit. Ein großer Aufschlag lohnt immer, wenn was Besonderes serviert wird. Die große Geste ist nicht zu verwechseln mit purer Machtdemonstration: Das eine lädt freundlich ein, das andere macht furchtbar klein. Meinen ersten Kontakt mit dem Thema hatte ich als junger Berliner Architekturstudent, als die Diskussion um den Wiederaufbau des Stadtschlosses eskalierte. Schnell wurde klar, dass der leidenschaftliche Streit um Ausdruck und Form der Architektur eigentlich obsolet ist, solange die Inhalte diffus bleiben. Den Tisch braucht man nicht zu decken für eine Schale Suppe. Die Mahlzeit für das Humboldt-Forum wird soeben angerichtet und darf ab 2019 gekostet werden, ein Ort für Weltkultur steht auf der Speisekarte. Nach leichter Kost klingt das nicht gerade. Meinen zweiten Kontakt mit dem Thema hatte ich ein bisschen später beim Neubau des Bundeskanzleramtes, Architekt Axel Schultes (der seinen Hemdkragen immer in Vatermörder-Manier trägt, auch so eine Geste) nahm mich mit, den Betonrohbau hinauf, wir rannten bis vor ans Gesims und begeisterten uns über den auferstandenen Phoenix Berlin. Heute ist Schultes nicht mehr so begeistert, das Kanzleramt steht im Westen Berlins wie ein zweiflügeliges Barockschloss mit einem von den Berlinern „Waschmaschine“ genannten Mittelbau. Das Bürgerforum in der Mitte des gefeierten Spreebogen-Konzepts, das den Menschen dieses Landes Freiraum geben sollte, wurde nie realisiert. Freiraum, das wurde dieses Jahr auf der Architekturbiennale in Venedig klar (sollten Sie nicht dort gewesen sein, bis 25. November besteht noch die Möglichkeit), ist ein Kernelement beim Bau großer Gesten. Das sperrig klingende Manifest „Freespace“ der kuratierenden Architektinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara sollte sich jeder Architekt in die Küche hängen. Die große Geste braucht Raum, und das geht immer wieder schief, wie ich jüngst in der Elbphilharmonie feststellte. So schön der Entwurf ist, statt eines vernünftigen Vorplatzes für die Bürger gibt es eine Tiefgarageneinfahrt. Das Forum oberhalb des Speichers mit dem grandiosen Blick über Hamburg ist nur zu bestimmten Tageszeiten durch eine Rolltreppe erreichbar. Öffentlicher Raum sollte aber immer offen sein. An einer weitaus schwierigeren Geste versucht sich derweil David Chipperfield beim Umbau des Hauses der Kunst in München. Er schlug unter nachvollziehbarem Protest vor, die alte Freitreppe wieder zu errichten und die Bäume vor der Einfahrt des Altstadtring-Tunnels zu fällen, wo doch jeder Münchner weiß, diese Geste braucht kein Mensch. Dann würde die große zur bloßen oder noch schlimmer zur hohlen Geste. Aber auf der Rückseite des Nazibaus wäre eine Treppe zum Verweilen und als Einladung für Spaziergänger aus dem Englischen Garten eine charmante Geste. Derzeit stolpert man über einen Parkplatz für eine Nobel-Disko. Ich wünsche angenehme Lektüre. Jörn Kengelbach