Die verdoppelte Stadt

Das neue Kunst-Depot für das renommierte Museum Boijmans van Beuningen ist ein erneuter Beweis für die Lässigkeit und Experimentierfreude von Rotterdam. Stararchitekt Winy Maas, Gründer des verantwortlichen Büros MVRDV, gewährte AW eine exklusive Preview

"So ein Projekt muss sich in die Landschaft, in die städtische Umgebung integrieren"
WINY MAAS

Bei jeder neuen Bau­aufgabe des Rotterdamer Büros MVRDV werden besonders ambitionierte Anfor­derungen an den Entwurf gestellt. Und zwar von den Architekten selbst: „Wir wollen immer etwas Neues probieren, es soll möglichst jedes Mal etwas noch nie Dagewesenes zeigen. Trotzdem soll der Bau klar und selbstverständlich sein – und beim Betrachter den Reflex auslösen, unbedingt wiederkommen zu wollen.“ So skizziert Gründungspartner Winy Maas die Matrix des Konzepts. Das klingt nach einer architektonischen Wollmilchsau, deren geringstes Problem das Eierlegen ist. Hinter sein neuestes Werk, das Art Depot im Rotterdamer Museumsquartier, kann er bezüglich des eigenen Anforderungsprofils schon vor der Eröffnung drei Häkchen für „erfüllt“ machen.

"Wir wollen jedes Mal etwas Neues, etwas noch nie Dagewesenes zeigen"
WINY MAAS

Das Büro ist bekannt für spektakuläre Architekturprojekte: Die Spur reicht von ihrem internationalen Durchbruch auf der Expo 2000 in Hannover, als sie mit dem niederländischen Pavillon horizontal gestapelte Landschaften präsentierten, über das blaue Dorf, das sie auf Rotter­damer Bestandsgebäude pflanzten, bis zu der Markthal, einer hundertfachen kulinarischen Verführung, die umschlossen wird von einem riesigen Halboval, in das exklusive Apartments integriert sind. Und jetzt ein Kunstdepot. Depot klingt erst einmal nicht so sexy. Auch wenn es ein leuchtendes Vorbild gibt: das Schaulager von Herzog & de Meuron am Südrand von Basel. Ein architektonischer Meisterent­wurf; ein Kunstlager, in dem wechselnde Ausstellungen präsentiert werden. Aber MVRDV will mehr. Viel mehr.

Für Winy Maas war die Bauaufgabe nicht nur ein schickes Lager für wertvolle Kunst. Gemäß seiner Idee von öffentlichem Bauen ist ein solches Gebäude auch „ein wesentlicher Bestandteil von Städte­bau“, also eines Gesamtkonzepts. „So ein Projekt muss sich in die Landschaft, in die städtische Umgebung integrieren.“ Das ist an dieser Stelle eine ordentliche Her­ausforderung. Denn es muss sich – wenn man nur die unmittelbare Nachbarschaft betrachtet – mit dem Rotklinker­-Be­standsgebäude des Museums Boijmans van Beuningen aus den späten 20er-­Jah­ren des letzten Jahrhunderts vertragen, mit einer kleinen, feinen Bauhaus-­Sied­lung, einem postmodernen Architektur­museum aus den 80er­Jahren und dem Beginn eines Parks, der diese Museen mit der ebenso berühmten Kunsthal von Rem Koolhaas am anderen Ende verbindet. Direkt hinter dem Depot ist der Park, der entstand, als Winy Maas noch bei Kool­haas tätig war; nicht grün, sondern sehr bunt. Die Fläche ist gestaltet in den Far­ben der Flaggen europäischer Nationen.

Das, was aus diesen Bedingungen entstanden ist, sieht so genial wie naheliegend aus, gleichzeitig neuartig, selbstverständlich, aufsehenerregend. Von außen ist es eine riesige Salatschüs­sel, die am Parkeingang steht, verkleidet mit 1680 Spiegelplatten, die übrigens geschäftstüchtigerweise an Sponsoren verkauft wurden. 1000 Euro das Stück. Ein Eyecatcher der besonderen Art. Schon jetzt, mehr als ein Jahr vor seiner Eröffnung, ist das Art Depot eins der meistfoto­grafierten Motive der Stadt bei Instagram, wenn nicht des Landes. Touristen und zufällige Passanten jedes Alters bleiben verdutzt, erstaunt, fasziniert stehen und zücken die Smartphones für einen Erin­nerungsschuss. Was sie fotografieren, ist auch – zwangsläufig – sich selbst. Von der richtigen Position aus, also etwa zwischen dem alten Museumsbau und dem neuen Art Depot, haben sie auch gleich ganz Rotterdam auf dem Foto. In diesem gigantischen konvexen Spiegel wird die Stadt verdoppelt, auf wenige Quadratmeter komprimiert.

Dabei ist das neue Wunderwerk so weit entfernt vom Ursprungsentwurf, dass auch die letzte Spur von Grundidee ver­schwunden ist. „Das eigentliche Konzept war ein Gebäude in der Form des Tisches ‚Lack‘ von Ikea“, erzählt Jan Knikker, als Büropartner verantwortlich für strategi­sche Fragen und neue Märkte. Vier hohe Stützen und eine rechtwinklige Platte darauf. Die Kunstwerke lagern nämlich bisher im Keller des Museumsaltbaus. Das Problem: In Rotterdam, das unter dem Meeresspiegel liegt, ist der Grundwasser­pegel ziemlich hoch. Bei etwas stärkeren Regenfällen lief regelmäßig Wasser in den Keller des Bestandsbaus und gefährdete die eingelagerten Kunstwerke.

Die „Beine“ hätten die Aufbewah­rungsräume, die sich in mehreren Etagen in der „Platte“ verteilen sollten, weit über jede Überschwemmungsgefahr erhoben, die Kunst in Sicherheit gehievt. Und gleichzeitig weiter die Sicht auf den Park ermöglicht. Allerdings war das Budget sehr knapp. Zu knapp. „Allein die Außen­mauern für solch ein Depot verschlingen den größten Teil“, berichtet Knikker. „Der Beton muss so hart angerührt sein, dass man mit einem Presslufthammer binnen fünf Minuten nur einen Zentimeter tief bohren kann.“ Bei einem eingelagerten Schätzwert von rund sieben Milliarden Euro wollen die Versicherungen auch ein Wörtchen mitreden.

Einige, um ehrlich zu sein, etliche Änderungen und Metamorphosen später ist aus dem „Lack“­-Tisch eine verspie­gelte Salatschüssel geworden. Sie steht jetzt zwar auf der Freifläche zwischen Bestandsbau und dem anliegenden Krankenhaus, die Sicht auf den Park ist dennoch gewährleistet. „Durch ihre Rundung kann man den Park schon von einiger Entfernung in der verspiegelten Fassade sehen“, freut sich der Architekt, als sei ihm damit eine Art Taschenspieler­trick gelungen. „Man kann quasi um die Ecke schauen.“

"Das Depot hat nicht nur die Stadt verdoppelt. sondern sie auch grüner gemacht"
WINY MAAS

Die runde Form hat noch einen ande­ren Pluspunkt, findet Winy Maas: „Es gibt keine Vorder-­ und Hinterseite, also keine bevorzugte Ansicht. Alle Nachbarn haben die gleiche Perspektive.“ Allerdings nicht die spektakuläre Aussicht, wie die Gäste in Zimmer 5001 in der 14. Etage des Bil­derberg Parkhotel. „Seit einiger Zeit quar­tieren sich hier bevorzugt Architekten ein, um die Fortschritte beim Bau aus exklu­siver Vogelperspektive zu verfolgen“, erzählt Manager Tony Mastrantuono. Er selbst genießt die Aussicht auch jedesmal, wenn er Fotografen und Journalisten hochführt. Von dort sieht man auch, was mit der kleinen Baumgruppe geschehen ist, die dem Depot weichen musste. Sie wurde aufs Dach verpflanzt. Nicht dieselben Bäume, die hätten dort oben dem Wind nicht standgehalten. Aber das neue Wäldchen aus Birken und Pinien ist deutlich größer. „Das Depot hat nicht nur die Stadt verdoppelt“, sagt der Architekt, „sondern sie auch grüner gemacht.“

Ende September 2020 öffnet das Depot für einen offziellen Presserund­gang. Danach wird es wieder geschlossen. Ein halbes Jahr lang muss der Beton austrocknen. Erst danach kann die Kunst klimatisch perfekt kontrolliert eingela­gert werden. Der Umzug der etwa 155 000 Werke dauert ein weiteres halbes Jahr. 95 Prozent werden zugänglich sein.

Acht Etagen hat die Salatschüssel, die Kunst wird hochwassersicher erst nach zehn Metern über dem Boden eingelagert. Auf dem Dach hat das Gebäude einen Durchmesser von 60 Metern, am Boden gerade mal 40. „Ein klitzekleiner Foot­print für solch ein gewaltiges Projekt“, merkt Winy Maas zufrieden an.

„Wie versorgt man Kunst?“ Das ist die zentrale Frage, wie sie Direktor Sjarel Ex formuliert hat (der Name ist übrigens kein Pseudonym, der Vorname wird ungefähr wie Charles ausgesprochen, so sieht er in holländischer Lautschrift aus). „Es muss mehr als bewahren und restaurieren sein. Man muss es zugänglich machen, zeigen, darüber reden können.“ Man kann über Porzellanobjekte spazieren, die unter dem Glasfußboden positioniert sind, es gibt technische und Ausstellungsräume, insgesamt 80 verschiedene, jeder mit spezieller Funktion. Und jeder mit spe­zieller Kondition, was Temperatur, Licht und Luftfeuchtigkeit betrifft. Es wird ein lebendes Archiv: Die Besucher werden den Restauratoren über die Schulter schauen können. Es gibt Räume, in denen Kuratoren Hängungen für zukünftige Ausstellungen ausprobieren und den Be­suchern Einblicke in ihre Arbeit geben – alles ist sichtbar für das Publikum. Es wird auch die Möglichkeit geben, ein Rendez­vous mit einem Kunstwerk seiner Wahl zu haben, Zeit und Werk sind buchbar im Internet. Dann steht einem privaten Treffen zwischen Werk und Bewunderer nichts mehr im Weg.

AW Architektur & Wohnen, Ausgabe 05/20

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Erfreuliche Erlebnisse hat der Neu­bau auch für die direkte Nachbarschaft zu bieten: Einige Straßen in der Nähe, die im Winter sehr düster sind, werden seit Neuestem von reflektierten Sonnen­strahlen aufgehellt. Manch ein Bewohner dort erlebt erstmals das Abendrot eines Sonnenuntergangs in der Wohnung. Mehr Mehrwert geht eigentlich gar nicht.

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