Oslo – Für stille Genießer

In der norwegischen Hauptstadt sind der Wald oder der Fjord stets in unmittelbarer Nähe – sie prägen das Lebensgefühl der Osloer, ihr Ruhebedürfnis und das Design.

Stille. Absolute Stille. Wir atmen tief durch und genießen den Panoramablick auf die norwegische Hauptstadt und den Oslofjord. In der Ferne steuert ein Passagierschiff zwischen den vorgelagerten Inseln gen Hafen. Wir sitzen auf rund 400 Metern Höhe in der Fuglemyrhytta. Die für zehn Schlafplätze ausgerichtete Holzhütte ist eine der beliebtesten Übernachtungsstätten Oslos, dabei gibt es hier noch nicht mal Strom oder Wasser. Erreichbar ist sie nur zu Fuß. Von einem Parkplatz in Nordmarka aus sind es drei Kilometer bis zur Hütte mit der großzügigen fünfeckigen Fensterfront. Anfangs läuft man noch auf breiten Wegen, später auf schmalen Pfaden über wild wucherndes Wurzelgeflecht durch den dichten Wald. Wir verlaufen uns mehrfach – einige Schilder sind verwirrend, andernorts fehlen Markierungen. Doch genau so muss es für die Norweger sein, sie wollen jederzeit kleine Abenteuer erleben. Das Frilufsliv, Leben im Freien, ist Teil ihrer Identität. Wenn man die Osloer fragt, was das Schönste an ihrer Stadt sei, sagen viele, dass sie innerhalb von 15 Minuten am Fjord oder tief im Wald sein können. Je abgelegener, desto besser. An diesem Morgen haben wir die Fuglemyrhytta für uns alleine. Wir frühstücken draußen, lauschen dem sanften Rascheln der Bäume und schauen zu, wie die Wolken gemächlich über den Horizont ziehen. Plötzlich hören wir in der Ferne Frauenstimmen, zunächst leise, dann kommen sie immer näher. Es sind vier junge Mütter, die ihre Babys auf den Bauch geschnallt haben. „Hei, hei“, begrüßen sie uns, während der Nachwuchs freudestrahlend im Rhythmus ihres Gangs wippt. Die Osloerinnen rasten neben uns auf einer überdachten Holzbank. Sie erzählen, dass sie eine Wandergruppe gegründet haben, heute ist ihre erste Tour. So wird der Nachwuchs gleich auf die norwegische Lebensart eingestimmt. Die Frauen bitten uns, Fotos von ihnen zu machen. Sollten sie dem Klischee entsprechen, werden die Bilder kurz darauf auf einem der Social-Media-Kanäle inklusive #friluftsliv und #fuglemyrhytta zu sehen sein. Wir überlassen ihnen die Stille und schließen die Selbstbedienungshütte ab, die vom norwegischen Wanderverein DNT betrieben wird. Zum Gelände gehört auch ein Plumpsklo, bei dem zwei nebeneinandersitzen können. Platz genug ist hier oben ja.

Naturverbundene Designer

Designt wurde die Fuglemyrhytta von dem vielfach preisgekrönten Architekturbüro Snøhetta, das zuvor bereits mit Projekten wie der Bibliothek im ägyptischen Alexandria, der Polestar-Produktionsstätte im chinesischen Chengdu und zuletzt mit dem spektakulären Unterwasserrestaurant im Süden Norwegens für Furore sorgte. Ihr berühmtestes Objekt ist weiterhin die Osloer Oper, die wir nach unserem Waldbad in der Innenstadt besuchen. Das Gebäude liegt an der Hafenpromenade, die sich auf neun Kilometern entlang des früheren Werft- und Industriegeländes erstreckt. Es wurde einem Gletscher nachempfunden, der direkt vom Fjord aus in die Höhe ragt. Anfangs monierten etliche Bürger, man könne doch nicht mitten im Nichts – das Viertel Bjørvika war damals weitgehend ein Niemandsland – ein Kulturhaus errichten. Doch schon kurz nach der Eröffnung 2008 entwickelte sich das Haus der Nationaloper und des Nationalballetts, dessen Dach man jederzeit frei zugänglich erklimmen kann, zur neuen architektonischen Ikone der Metropole mit ihren 690 000 Einwohnern. Bei Sonnenschein reflektiert der weiße Marmor das Gebäude, das täglich von Touristen, Spaziergängern oder Tai-Chi-Freunden bevölkert wird, im Winter tauchen sogar gelegentlich Skifahrer auf, um die lang gezogene Rampe zum Dach herunterzufahren. Die Architektur bringt also Menschen zusammen. „Trotz des öffentlichen Gegenwinds waren wir uns sicher, dass dieses Projekt ein Erfolg würde“, sagt Kjetil Trædal Thorsen, Mitbegründer und -inhaber von Snøhetta. Denn es berührte die Identität seiner natur- und freiheitsliebenden Landsleute. Zu dieser gehört auch das Allemannsretten, das Jedermannsrecht, welches besagt, dass jedem ein freier Zugang entlang der Küste zusteht. „Neu war, dies mit der Oper, einem an sich eher elitär anmutenden Ort, zu verbinden“, so Kjetil. Wie im Norden üblich, duzen wir uns. Da er wie so viele in Coronazeiten im Homeoffice arbeitet, sprechen wir per Videocall.

Normalerweise sitzt der 62-Jährige mit seinen Mitarbeitern im Büro, das unweit der Oper an der Hafenpromenade liegt. Er blickt dann durch die riesigen Fensterfronten auf den Oslofjord. Die salzige Brise und der Fischgeruch lassen ihn von der Ferne träumen. „Ich fühle mich mit der Küste Norwegens stark verbunden“, gestand Kjetil schon bei einem früheren Treffen im Snøhetta-Büro. Die langsamen Wogen des Meeres haben für den Architekten etwas Beruhigendes, ebenso wie die vorbeifahrenden Passagierschiffe und Freizeitboote. Manchmal paddelt er mit dem Kajak zu den benachbarten Inseln. Weil das Gesundheitsamt momentan nur eine beschränkte Anzahl von Personen in Büros erlaubt, lässt Kjetil seinen Mitarbeitern den Vortritt. Der weitläufige Raum mit den farbenfrohen Sitzbänken, Bücherregalen und Arbeitsinseln für normalerweise 100 Angestellte hat trotz der Größe etwas Gemütliches. „Manche sehen uns als Establishment, doch für mich ist Snøhetta immer noch diese kleine, verletzliche Kollaboration, die auf individueller Initiative basiert“, sagt der Chef. Weltweit haben sie 240 Mitarbeiter an verschiedenen Standorten. Die Basis sei jedoch gleich – ebenso wie die flachen Hierarchien, die sich nicht nur in der Architektur ihres Studios zeigt, sondern vor allem Herzstück der Unternehmensphilosophie ist.

Tanzender Fluss

Soziale und nachhaltige Komponenten prägen auch ihre weiteren Designs in Oslo. Das Friluftssykehuset, Freiluftkrankenhaus, etwa basiert auf der Initiative von Håvard Hernes, der mit seiner damals schwer kranken Tochter viel Zeit im Krankenhaus verbringen musste. Wie die meisten Angehörigen und Patienten sehnte die Familie sich nach einer Auszeit. Also designte Snøhetta mit Håvard, der im Alltag Rockmusiker ist, eine verwinkelte Hütte direkt hinter dem Gelände der Uni-Klinik. Wer drinnen sitzt, glaubt inmitten endloser Natur zu sein. 

So ergeht es einem ebenfalls, wenn man im Viertel Grünerløkka im Café des Dansens Hus ein ständiges Summen hört. Die Architekten bauten auf dem Dach schicke Bienenstöcke. Sie grenzen an die bei den Osloern beliebten Mathallen. In der früheren Brückenwerkstatt gibt es neben Restaurants und Cafés auch rund 30 Feinkostläden, und ein paar Häuser weiter liegt das Michelin-Restaurant Kontrast. Doch selbst in der Innenstadt ist die Natur nicht weit entfernt. Der Fluss Akerselva, früher wichtige Handelsroute und Energielieferant, schlängelt sich hier entlang an Kunsthochschulen, Apartments und vorbei an populären Clubs wie dem „Blå“. Das Frank Znort Quartet gibt dort seit über 20 Jahren jeden Sonntag kostenlose Konzerte. Ihr Motto: We fuck up your Mondays! Der Fluss tanzt vom „Blå“ aus weiter durch die Stadt und mündet zwischen der Oper und dem neuen Munch-Museum im Fjord.

"Für mich ist Snøhetta immer noch diese verletzliche Kollaboration, die auf individueller Initiative basiert"
KJETIL THORSEN

Kunst im königlichen Stall

Der Künstler Edvard Munch hinterließ seiner Heimatstadt über 30 000 Kunstwerke, die Eröffnung am neuen Ort musste zwar auf das Frühjahr 2021 verschoben werden, zu sehen sind seine Werke dennoch an mehreren Orten. Einer der ungewöhnlichsten ist „Dronning Sonja KunstStall“, der Kunststall von Königin Sonja am Rande des Schlossgeländes. Wo einst Pferde in ihren Boxen mit hölzernen Trennwänden standen, hängen nun im Rahmen der Ausstellung „Slottet + Munch“ ausgewählte Lithografien berühmter Werke sowie die dazugehörigen Steine. Designt hat die einzigartige Kunsthalle natürlich Snøhetta. „Es war uns wichtig, den Charakter des royalen Stalls zu bewahren“, sagt Kjetil im Videocall. So sieht man zum Beispiel am Rande der Trennwände noch die Matten, an denen die Pferde sich gerieben haben.

Nach all der Zeit in der Innenstadt zieht es uns wieder zurück an den Fjord. Abgesehen von der Oper und dem Munch-Museum sind in Bjørvika in den vergangenen Jahren ganze neue Gebäude entstanden. Die eleganten Hochhäuserreihen von Sørenga offenbaren den Reichtum der Ölnation, aber zugleich wieder ihre Liebe zur Natur. So bauten sie ein öffentliches Meeresbad samt Sprungturm, und immer mal wieder sieht man Anwohner von ihrem Balkon aus angeln. Angeblich sogar über fünf Kilo schwere Lachse.

Die Zukunftsbibliothek

Das neueste Gebäude am Platz ist die Hauptfiliale der öffentlichen Bibliothek Deichman, die wochentags bis 22 Uhr geöffnet hat. Jeder kann hier stundenlang verweilen, in Büchern stöbern, den 3-D-Drucker ausprobieren oder den Ausblick auf die benachbarte Oper genießen. Das spannendste Projekt versteckt sich momentan noch hinter einer schwarzen Holztür – die „Future Library“. Die schottische Künstlerin Katie Paterson hatte die Idee, eine Anthologie von Büchern zu schaffen. 2014 wurden dafür in einem Waldstück von Nordmarka 1000 kleine Zöglinge gepflanzt. „Seitdem wird jedes Jahr ein anderer Schriftsteller gebeten, einen Text zu schreiben, der bis zum Jahr 2114 unveröffentlicht bleibt“, berichtet Anne Beate Hovind, die das Projekt in Oslo betreut. Das erste Manuskript verfasste die Kanadierin Margaret Atwood, zuletzt war es die Südkoreanerin Han Kang. Die Übergabezeremonie findet dabei stets inmitten der Zöglinge statt, aus denen in ferner Zukunft die Bücher gedruckt werden. Das Waldstück liegt unweit der Fuglemyrhytta. Kang übernachtete dort gemeinsam mit der schottischen Künstlerin und Anne Beate. „Nach der Zeit im Wald fiel es ihr etwas leichter, das Manuskript loszulassen.“ Obwohl der holzverkleidete Raum in der Bibliothek erst später offiziell eröffnet wird, gewährt die Norwegerin uns bereits einen Einblick. Erbaut wurde er aus jenen Bäumen, die sie für die Zöglinge fällten. 100 kleine Schlitze erleuchten den Raum, demnächst lagern dort die Texte. Für Anne Beate ist das Projekt ein Zeichen des Optimismus und des Vertrauens in zukünftige Generationen. Wir hocken nun schweigend auf der schmalen Bank und fühlen uns, als säßen wir inmitten eines Baumes. Und da ist sie wieder, die absolute Stille. 

Alva Gehrmann lebt seit fünf Jahren überwiegend in Oslo. Sie ist Autorin des Buches „I did it Norway! – Die Entdeckung der nordischen Lebensart“ (dtv)

Restaurant-Tipps: kreatives und regionales Essen

1. „Vippa“ 

In der Markthalle werden in Foodtrucks Köstlichkeiten wie arabische Schawarma oder eritreische Pfannkuchen angeboten. Initiiert wurde das Projekt von Heidi Bjerkan. Ihr Trondheimer Restaurant „Credo“ hat einen Michelin-Stern.

2. „Kontrast“

Modernes nordisches Restaurant mit einer Gourmetküche, bei der norwegische und ökologische Rohwaren der Saison im Mittelpunkt stehen. Es hat einen Stern im Guide Michelin. 

restaurant-kontrast.no

AW Architektur & Wohnen, Ausgabe 06/20

U1_AW_620 Titel Werbung

AW Architektur & Wohnen, Ausgabe 06/20

Cool & Cosy – Die schönsten Häuser zum Wohlfühlen und EntspannenVisionen – Tree-House-School – ein modulares Bildungszentrum der ZukunftAb in die Wüste – „The Nest“ – hier stand die Baukunst der Webervögel PateGlaskunst – Ganz und gar nicht transparentFadenspiel – Teppichdesign zwischen Tradition und ModerneAlle Ausgaben können Sie auch als digitale E-Paper bestellen.

Heft bestellen

Hotel-Tipps: die norwegische Lebensart entdecken

1. „Frogner House“ 

„Frogner House“ bietet sowohl Hotelzimmer als auch zahlreiche stilvoll eingerichtete Apartments in zentralen Vierteln der Stadt. Ihr Motto: Fühle dich wie zu Hause, lebe wie die Osloer.

frognerhouse.no

2. „Hotel Amerikalinjen“

Frischer Wind unweit der Oper: Dieses neue Boutique-Hotel befindet sich im ehemaligen Hauptquartier der Schifffahrtsgesellschaft Amerikalinjen. Hier fühlen sich die 100 Jahre Gäste wie moderne Abenteurer in schickem Ambiente. 

amerikalinjen.com

AW Architektur & Wohnen, Ausgabe 06/20

U1_AW_620 Titel Werbung

AW Architektur & Wohnen, Ausgabe 06/20

Cool & Cosy – Die schönsten Häuser zum Wohlfühlen und EntspannenVisionen – Tree-House-School – ein modulares Bildungszentrum der ZukunftAb in die Wüste – „The Nest“ – hier stand die Baukunst der Webervögel PateGlaskunst – Ganz und gar nicht transparentFadenspiel – Teppichdesign zwischen Tradition und ModerneAlle Ausgaben können Sie auch als digitale E-Paper bestellen.

Heft bestellen