Opern und Theater Theater in Wien

Zwischen dem Wiener Börsenkrach 1873 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs baute das Architekten-Duo Fellner und Helmer in den Metropolen Mittel- und Osteuropas Opern und Theater. Zwischen Hamburg und Odessa errichteten sie Prachtpaläste für die Kunst, zusammengefügt aus Stilen der Vergangenheit, aus Renaissance, Barock und Rokoko.  

Das kleinste Theater bauen Fellner und Helmer in Berndorf bei Wien, winziger war nur ein heute zerstörtes Schlosstheater für den ungarischen Magnaten Miklos Esterhazy in Tatis. Berndorfer Auftraggeber ist der Industrielle Arthur Krupp, ein Neffe des Kanonenkönigs Alfred Krupp in Essen. Der österreichische Familienzweig betreibt eine Fabrik, die mit der Produktion von Alpaka-Besteck und Töpfen Weltgeltung erreicht. Berndorf, das vor der Ära Krupp gut 150 Einwohner hatte, wächst auf 6000 Mitbürger an. Annähernd 90 Prozent von ihnen arbeiten in den Kruppschen Werken. Für sie baut der Industrielle Häuser, Schulen, Kirchen, Geschäfte, in denen die Kruppianer mit einer eigenen Währung einkaufen. Fehlt nur noch das i-Tüpfelchen patriarchalen Glanzes: das Theater. Arthur Krupp wählt die Spezialisten.Fellner und Helmer entwerfen ihm ein Schlosstheater mit viel rotem Plüsch und hellem Gold auf weißem Schnörkelwerk.

Tändelndes Rokoko ist die Stilrichtung für das Innere des Schmuckstücks, haltungssichere Renaissance der Duktus für die äußere Schale. Dem Kaiser, der die gute Tat einweihen soll, wird ein eigener Eingang gebaut, gediegen wie in einem gehobenen Mietshaus. Im September 1899 gibt man ihm zu Ehren das Stück „Der kleine Mann“ von Carl Karlweis. Doch nicht jeder lässt sich von der teuren Geste beeindrucken. Warum kein bescheideneres Haus, geringe Eintrittspreise, wenn es für die Arbeiter sein soll? Warum muss es Schlossgepränge sein? Und wer sitzt eigentlich auf den teuren Samtstühlen? Für Arbeiter sind gerade 80 Plätze reserviert, hinten in den Galerien. Oder ist das Theater nur gebaut, um beim Kaiser den Baronstitel zu verdienen? Dienstag und Samstag wird gespielt. Krupp hat eine Loge. Wie oft er da ist? Man weiß es nicht.

Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Christian Grund