Opern und Theater Details

Zwischen dem Wiener Börsenkrach 1873 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs baute das Architekten-Duo Fellner und Helmer in den Metropolen Mittel- und Osteuropas Opern und Theater. Zwischen Hamburg und Odessa errichteten sie Prachtpaläste für die Kunst, zusammengefügt aus Stilen der Vergangenheit, aus Renaissance, Barock und Rokoko.  

DIE ARCHITEKTEN Ferdinand Fellner (1847–1916) stammt aus einer eingesessenen Wiener Handwerkerfamilie. Generationen hatten als Zimmerer gearbeitet. Erst der Vater studierte Architektur und gründete das Atelier, das der Sohn fortführte. Hermann Helmer (1849–1919) wächst als Sohn eines Goldschmieds und Kleinhändlers in Harburg auf, heute ein Stadtteil Hamburgs. Er lernt Maurer, geht auf die Baugewerbeschule, findet 1868 eine Anstellung erst als Architekturzeichner in Fellners Wiener Firma, ab 1873 als Partner. Etliche Jahre steht Helmer dem Büro vor, während Fellner die im k.u.k. Reich verstreuten Baustellen besucht. Ab 1888 teilen sie die Projekte auf und betreuen sie jeweils komplett.

DAS WERK In den Gebieten des k.u.k. Reichs und der angrenzenden deutschsprachigen Länder verschaffen sich Fellner und Helmer als bautechnisch versierte, zügig und preisgerecht arbeitende Firma um 1900 ein Monopol im Theaterbau. Zwischen 1873 (Budapester Volkstheater) und 1913 (Wiener Konzerthaus) bauen sie fast 50 Opern- und Theaterhäuser. Hamburg, Odessa und Zürich sind die am weitesten auseinanderliegenden Standorte. Zum Werk des Duos gehören außerdem zahlreiche Wiener Villen und Stadtpaläste wie das Palais Rothschild (heute die türkische Botschaft), Kaufhäuser, Banken und Hotels, etwa das noch heute bewirtschaftete Hotel Georg in Lemberg.

DER STIL Das Wiener Architekturbüro baut in der Hoch- und Spätphase des Historismus: ein Baustil, der in der Gründerzeit (um 1840 bis 1873) entstand und sich aus Versatzstücken kunstgeschichtlich vergangener Epochen zusammensetzt. Vor allem Renaissance und Barock liefern einen umfangreichen Vorrat an Giebeln, Säulen, Gesimsen, Architraven und Portalen für den Formenkasten der Baumeister. In diesen mischen sie nach 1900 Ornamente des zeitgenössischen Jugendstils. Architektonische Einzelteile bündeln Fellner und Helmer in vier Hauptmotive: die Tempelfront, das Loggien- und das Portalbogenmotiv und das rahmende Turmpaar. Ausgewählt wird die stilistische Richtung nach dem repräsentativen Anspruch eines Gebäudes: üppiges Neobarock für die Schwarzmeer-Oper in Odessa, deutsche Renaissance für das „Arbeitertheater“ in Berndorf.

DIE THEATER 1882 bauen Fellner und Helmer in Brünn das erste komplett elektrifizierte Theater Europas. Den Strom liefert per Bodenkabel eine separate „Kraftstation“, in der, von einer Dampfturbine angetrieben, vier Edisonsche Lichtmaschinen arbeiten. Diese technische Erneuerung gehört zu einem Bündel von Brandschutzmaßnahmen. Seit der Jahrhundertmitte nehmen durch Gasund Kerzenlicht ausgelöste Theaterbrände dramatisch zu. Fast 400 Menschen sterben 1881 bei dem Brand des Wiener Ringtheaters. Seither liegen die Gebäude möglichst nach allen Seiten frei in der Stadt, werden Bühnenvorhang, Bühnenraum und mitunter Dächer aus eisernen Konstruktionen gefertigt. Auch die im Äußeren wahrnehmbare deutliche Gliederung der Theater in den Eingangs-, Zuschauer- und Bühnenbereich ist eine Folge der neuen bautechnischen Vorschriften.

DIE DOPPELGÄNGER Einige Theater des Duos, so die in Fürth und dem ukrainischen Czernowitz, die in Gießen und dem tschechischen Gablonz, gleichen sich fast wie Zwillinge. Was einmal entworfen und gezeichnet ist, setzen die pragmatischen Baumeister um. Wenn eine Stadt das nötige Geld nicht zusammenbringt oder die Baubewilligung verzögert, verkaufen sie Erarbeitetes andernorts. Trotzdem gestalten sie nicht, wie es scheinen könnte, Theaterfassaden in Serie. Fast jede ist ein eigenes Puzzle aus immer wieder neu kombinierten Loggien, Bögen, Säulen, Türmen. 

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Christian Grund