Der bekannte Architekt Pier Luigi Nervi 1935-1952

Er gilt als der Oscar Niemeyer Italiens: Pier Luigi Nervi, vor 120 Jahren geboren, krempelte die Architektur komplett um. Aus seinem Lieblingsmaterial Beton baute er Stadien, Fabriken und Hallen, in denen Konstruktionselemente zum Ornament wurden.

Orvieto 1935. Für Militäranlagen gilt das natürlich nicht. Hier kann Nervi sich beweisen. Er konstruiert die Hangars – Zweckbauten, die vor den Luftangriffen schützen sollen, aber zu „Kathedralen für Flugzeuge“ werden. Ihre Tonnendächer, die von filigranem, diagonalem Gitterwerk getragen werden, sind aber nicht nur schön, sondern funktional – und billig. „Sparen ist immer eine Hilfe, kein Hindernis beim guten Bauen“, hat Nervi schon immer behauptet. Erstmals erprobt er hier die Prinzipien, die seine späteren Werke auszeichnen werden: Stahlbeton und Vorfertigung. Die Decken werden in Teilstücken am Boden hergestellt, dann in der Höhe montiert und mit Ortbeton verbunden. Sogar ein Schiff baut Nervi aus Beton. Der Rastlose versucht sich auch an Monumenten zur nationalen Verherrlichung, die aber nie ausgeführt werden. Als Inspirationsquelle sammelt er Baudetails von der Antike bis zur Gotik, die er akribisch in Fotoalben festhält. Gleich nach dem Krieg wird er Professor für Konstruktionslehre in Rom. Seine wichtigste Lehre: „Einfachheit, Klarheit und Logik“.

Turin 1948. Mit der Halle B für die Automobil-Expo gelingt Nervi der große Durchbruch. Zarte Betonbögen, geschwungene Flächen und Oberlichtbänder überspannen den 81 Meter weiten Raum und beeindrucken die Fachwelt. Internationale Architekturzeitschriften bestätigen Nervi jetzt „Kult-Status“. Die Zeit ist reif. In den Tabula-rasa-Jahren der Nachkriegszeit schätzt man die pure Schönheit von nackten Beton-Strukturen, die „Ehrlichkeit“ einer sichtbaren Konstruktion. Das ist vor allem ein Sieg des „Nervi-Systems“, das er so emsig über Jahre entwickelt (und patentiert) hat. Dazu gehört sein geliebtes Ferrocemento, ein elastischer, fester Baustoff aus feinem Maschendraht, der mit Zementmörtel ummantelt ist, und die Technik der Vorfabrikation in fahrbaren, wiederverwendbaren Gussformen, die aufwendige Schalungen, Arbeit, Zeit und Geld spart – und eine neue ästhetische Dimension ermöglicht. Nervi habe, schrieb ein Kritiker, „die Kraft, sich von der Schwerkraft zu lösen, dabei aber deren Gesetzen zu gehorchen“. Tragwerke, Pfeiler, Bögen, Gurte, Rippen und Gitterwerke, die die statischen Kräftelinien nachformen, werden die neuen Ikonen der Baukunst; das Spiel mit Diagonalen und Kurven, Fächern und Rauten, Perspektive, Licht und Schatten sind von jetzt ab Nervis Markenzeichen. Die Konstruktion ist zugleich Ornament.

Paris 1952. Die nach dem Krieg gegründete Unesco erhält ihren Sitz in Paris. Eine Kommission, unter anderem mit Walter Gropius und Le Corbusier, bestimmt das würdige Architektenteam: Marcel Breuer als Vertreter der USA, Bernard Zehrfuss für Frankreich, Nervi für Italien. Unverkennbar ist sein Beitrag am Plenargebäude mit Seiten aus „gefalteten“ Betonwänden, die spitz zulaufende Pfeiler bilden wie bei einem Akkordeon. Die Faltung stabilisiert und schafft durch die tiefen Schattenzonen eine dramatische, plastische Wirkung.

Als die Unesco-Zentrale eröffnet wird, ist Nervi 67 Jahre alt. Drei seiner vier Söhne, die den klein gewachsenen Vater deutlich überragen, sind zu seiner Firma gestoßen. Antonio, der älteste, übernimmt mehr und mehr Projekte, die bald auch seinen Namen tragen. Pier Luigi baut in Mailand mit Gio Ponti das avantgardistische Pirelli-Hochhaus. Aus Beton, nicht aus Stahl wie üblich. Exakt berechnen kann Nervi seine Konstruktionen nicht. Er lässt deshalb Zelluloid- Modelle von seinen Bauvorhaben anfertigen, an denen er praktisch erproben kann, was machbar ist. Das fürs Pirelli- Haus ist neun Meter hoch. Nervi gründet eine neue Firma für Projekt-Design – und eine für Grundstücksgeschäfte.

Autor:
Heiner Scharfenorth