Der bekannte Architekt Pier Luigi Nervi 1950-1964

Er gilt als der Oscar Niemeyer Italiens: Pier Luigi Nervi, vor 120 Jahren geboren, krempelte die Architektur komplett um. Aus seinem Lieblingsmaterial Beton baute er Stadien, Fabriken und Hallen, in denen Konstruktionselemente zum Ornament wurden.

Rom, späte 50er-Jahre. Vorbereitungszeit für die Olympischen Spiele 1960, die der Stadt und auch Nervi einen Höhepunkt weltweiter Beachtung bescheren werden. Er baut das Flaminio- Stadion, den großen Sportpalast und den kleineren Palazzetto dello Sport, der sein schönstes Schmuckstück wird. Pier Luigi Nervi hat es geschafft, seine Stahlbetonfertigteile immer dünner zu machen, die Profile der Rippen und die Dachhaut sind nur drei Zentimeter stark. Unter der flachen Kuppel der Sport - halle, die auf markanten Y-förmigen Außenstützen ruht, bilden geschwungene Rippen rautenförmige „Muster“ in Form von Diamanten, während die Gesamtstruktur an eine (Lotus-)Blüte erinnert. Ein weiteres Highlight wird der Palazzo del Lavoro in Turin – mit Säulen, die wie stilisierte Palmen einen Kranz aus Stahlstreben tragen. Ob Bank, Bahnhof oder Fabrik, die Nervis bauen viel und entwerfen noch mehr.

New York 1962. Die Busstation an der Washington Bridge mit einem Dach aus spitzen Flügeln wird der erste Nervi-Bau in Übersee. Die Bauarbeiten führt hier erstmals nicht seine eigene Firma aus – was prompt zu Problemen und heftigen Vergröberungen seines Entwurfs führt. Dennoch: Amerika hat ihn entdeckt. Zu den rasch folgenden Auftragswerken gehört der signifikante, horizontal dreigeteilte Stock Exchange Tower in Montreal und die Saint Mary’s Cathedral in San Francisco mit einem steilen Licht-Dom, der diesmal von prismatischem Gitterwerk getragen und geschmückt wird.

Bald braucht die ganze Welt Nervi. Als Berater und Tragwerkplaner arbeitet er fast gleichzeitig an Großprojekten in Sydney und Kuwait, Tripolis und Südafrika und macht nebenbei noch konkrete Pläne für eigene Visionen – wie eine Brücke über die Meerenge von Messína. Nervis höchstes Ziel ist die fruchtbare Zusammenarbeit von Architekten und Ingenieuren. Er selbst ist das beste Vorbild. Einen „Ingenieur-Künstler“ nennt Breuer ihn. Und alle feiern ihn. Nervi trägt inzwischen die höchsten Architektur- Auszeichnungen seiner Zeit – die britische RIBA- und die amerikanische AIA-Goldmedaille. Und er darf, mit Antonio, fürs Vaterland bauen: Ihre italienische Botschaft in Niemeyers Brasilia ist ein auffällig gerahmter Flachbau, der über gegabelten Stelzen schwebt.

Vatikan 1964. Jetzt kommt die in seinen Augen größte Ehre: Eine Audienzhalle für den Papst soll Nervi mit seinen Söhnen bauen, im Schatten des Petersdoms, in unmittelbarer Nähe zu Bramante, Bernini und Michelangelo. Ihre Lösung ist ein Bau mit Trapez-Grundriss, das Material diesmal schneeweißer Stahlbeton aus Marmorstaub. Die Halle überwölben sanfte Bögen, die strahlenartig auf die Schmalseite zulaufen – sie konzentrieren die Kräfte und Blicke damit auf die Bühne mit dem Papstthron. Als Papst Paul VI. den Bau, der oft auch Sala Nervi genannt wird, vor 15 000 Besuchern einweiht, ist Nervi 80. Der große Architekt stirbt sieben Jahre später im Januar 1979, sein Sohn Antonio bald danach. Die einst blühenden Firmen werden aufgelöst.

Ausstellung „Pier Luigi Nervi come Sfida“, Turin, Palazzo delle Esposizioni, 19. 4.–10. 7. 2011

Autor:
Heiner Scharfenorth