Innovative Baukunst Konzert- und Konferenzhalle Harpa

Spektakuläre, ausgefallene Architektur? Henning Larsen Architects aus Kopenhagen tüfteln lieber an innovativen Nullemissionsbauten. Am wichtigsten sind dem internationalen Team jedoch die Menschen, die ihre Gebäude nutzen. Sie sollen sich wohlfühlen, einen Mehrwert spüren. Die Maxime hat Erfolg: Weltweit gewinnen die Dänen Wettbewerbe und realisieren Prestigeprojekte – vom Finanzzentrum in Riad bis zum Opernhaus in Reykjavik.

Ein weiterer, wasserumspülter Prestigebau wurde im Mai von Islands Sinfonieorchester zu den Klängen von Beethovens Neunter eröffnet: die Konzert- und Konferenzhalle „Harpa“ (Harfe) im Hafen von Reykjavik. Der kantige Solitär steht mit dem Rücken an der äußersten Kante der Mole. Die exponierte Lage verleitete die Architekten zu einer seltenen Extravaganz: Sie engagierten den Künstler Olafur Eliasson, der die Südfassade mit Tausenden von Glasbausteinen verkleidete. „Ihre Formen sind von den Basaltsäulen der Insel inspiriert“, sagt Peer Teglgaard Jeppesen, Designdirektor für Skandinavien. „Sie schillern wie Fischschuppen und reflektieren Wolkenbilder.“ Das Innere des Baus ist nicht minder kunstvoll: Das glutrote Interieur der Musikhalle symbolisiert Islands gut 30 aktive Vulkane. Wenn sich in den Pausen bis zu 1800 Gäste aus dem größten der vier Säle auf die Foyers, Bars und Aussichtsplattformen verteilen, blicken sie durch Eliassons gläserne Wabenstruktur wie durch ein Mega-Kaleidoskop über den Nordatlantik bis zum Vulkan Esja. Im Winter, wenn die Sonne sich nur vier Stunden am Tag zeigt, lassen LEDs in den Glasbausteinen den Komplex erstrahlen. Und wenn zu Premieren der heiße Dampf unterirdischer Quellen fontänenartig über die Wasserpiazza vor dem Bau gepustet wird, dann scheint es fast so, als würde sich das Opernhaus dematerialisieren.

Mit dem gegenteiligen Phänomen, nämlich radikaler Sonneneinstrahlung und Hitze, sahen sich Henning Larsen Architects bei der Planung des Finanzdistrikts für die saudische Stadt Riad konfrontiert. „Die Lösung heißt ,district cooling‘“, so Louis Becker. „Allein dadurch, dass wir die Hochhäuser in bestimmten Winkeln zueinander platziert haben, sinkt die Temperatur da - zwischen um mehrere Grad.“ Wie in Hamburg bauten die Architekten auch hier lieber klimabewusst, als sich ein Denkmal zu setzen. „Eye-level-design“, nennt Louis Becker seine Maxime und fügt schmunzelnd hinzu: „Wir entwerfen mit menschlichem Maß auf Augenhöhe der Kunden – nicht vom Hubschrauber aus. Damit sind wir so ziemlich das Gegenteil von Zaha Hadid.“

Auch bei anderen Projekten setzen die Architekten von Henning Larsen auf Energiesparen und den Vorteil für die Nutzer. Beim Erlebnismuseum „Massar Children’s Discovery Centre“, gerade in Damaskus im Bau, überlappen sich die Fassadenteile wie Rosenblätter und minimieren so die Sonneneinstrahlung. Und beim „Calabar International Conference Center“, das ausschließlich aus lokalen Baustoffen in einem Flussdelta im bevölkerungsreichen Boom-Land Nigeria entsteht, spielt ein offener Versammlungsplatz für Tausende Besucher die zentrale Rolle. „Als Architekt in einem derart rasant wachsenden Land sollte man nicht nur auf die Geometrie achten“, so Louis Becker, „sondern auf den Gewinn für die Gesellschaft.“

Henning Larsen selbst registriert die Erfolge seines Büros nur noch am Rande. Wenn der alte Herr am Gehstock in Vesterbro vorbeikommt, schaut er sich mit einem „Ich habe alles schon gesehen“- Blick in seinem Bienenstock um. Sein bekanntestes Werk, die 2004 realisierte Oper von Kopenhagen, war auch das umstrittenste: Zum ersten und wahrscheinlich letzten Mal wurde ein Henning-Larsen-Bau als zu monumental kritisiert. Dessen Erscheinung war allerdings von dem milliardenschweren Privat - investor beeinflusst: Als dieser die geplante Glasfassade in einen dunklen Monolith mit geschwungenen Metallstreben umplanen und den Konzertsaal mit Blattgold dekorieren ließ, distanzierte sich Larsen von dem Projekt. Vielleicht hat diese Erfahrung seine Partner und ihren Hang zum Tiefstapeln geprägt. Und Henning Larsens Interesse gilt zurzeit auch dem allerkleinsten Projekt des Büros: einem Museum für dänische Kunst in Videbaek, in der Nähe seines Geburtsortes Opsund.

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