Architekten Amunt – innere Werte im Visir

Die jungen deutschen Architekten machen verstärkt auf sich aufmerksam durch intelligente Entwürfe von Lowtech-Bauten mit ästhetisch hervorragenden Ergebnissen.
Amunt

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Von formalem Mut zeugen die Entwürfe von Amunt Architekten. Und von Freiheit im Denken. Wie kommt man sonst auf die Idee, ein Haus in Form eines grauen Ritterhelmes zu bauen – wenn es für das Haus „JustK“ in Tübingen überhaupt einen passenden Vergleich gibt. Und wie gelangt man bei der Erweiterung eines alten Siedlungshauses zu einem Anbau, der auch im fertigen Zustand noch aussieht wie eine Baustelle, zugleich aber mit Panoramafenstern ein selbstbewusstes Zeichen von Modernität bietet? Die Antwort liegt bei beiden Häusern im Inneren. Jeder, der das graue Haus in Tübingen betreten hat, so haben die Architekten Sonja Nagel, Jan Theissen und Björn Martenson festgestellt, sei wie ausgewechselt. Denn innen trifft er auf eine warme, helle Atmosphäre, die vom Baustoff Holz bestimmt ist. Größer könnte der Kontrast zwischen innen und außen nicht sein.

„Unsere Bauten sind nicht als Provokation gemeint“, stellt Jan Theissen klar. Vielmehr werde das Budget in die räumliche Qualität investiert. In hohe und klare Räume, große Fenster und offene Zwischenböden, die über Leitern erreicht werden können. Auf diese Weise entstehen auch unter beengten Platzverhältnissen Rhythmus, Weite und interessante Blickbeziehungen. In Deutschland sind solche Raumerfindungen eher selten. Die Inspiration dafür fanden Amunt Architekten in Japan – dem Wunderland für kreativ gestaltete Einfamilienhäuser.

Und außen? Sieht das nicht ein wenig merkwürdig und fremd aus? „Schönheit ist ein seltsamer Begriff“, erläutert Sonja Nagel. „Vieles ist doch eher Zeitgeschmack. Mittlerweile denke ich, dass Schönheit vor allem aus einer inneren Stimmigkeit entsteht.“ Das graue Haus in Tübingen hat ein Mansarddach, und das kommt in der Umgebung häufiger vor. Außerdem bietet der Knick im Dach dem Nachbarhaus bessere Aussicht ins Tal. Die graue Folie, die das gesamte Haus überzieht, stammt aus dem Industriebau und war sehr preiswert – das Geld war schließlich schon dort verbaut, wo es sinnvoll ist und die Bewohner ihre meiste Zeit verbringen: innen.

Nagel und Theissen waren jahrelang vor allem mit Innenausbau und Messearchitektur befasst, bevor ihr Aachener Freund und Kollege Björn Martenson mit dem Haus „JustK“ auf sie zukam. Aus dem ersten gemeinsamen Projekt erwuchs eine kontinuierliche Zusammenarbeit, sodass die drei schließlich als Amunt firmierten, der Name ist die Abkürzung für Architekten Martenson und Nagel Theissen. Amunts Entwurfshaltung ist so vorurteilslos, dass Freiräume entstehen, die anderen verschlossen bleiben. Als bloßen Pragmatismus wollen die Partner das nicht verstanden wissen. „Pragmatisch“, sagt Sonja Nagel, „sind unsere Bauten insofern, als sie Antworten geben.“ Ihre Häuser wirken wie ein Weckruf im architektonischen Einerlei und wurden mit vielen Architekturpreisen gewürdigt.

Autor:
Christian Tröster
Fotograf:
Jan Kopetzky