Pritzker-Preisträger Sein Architekturbüro in Hangzhou

Der Pritzker-Preis geht 2012 erstmals nach China. Preisträger Wang Shu schwört, ganz gegen den Mainstream, auf traditionelle Tugenden, auf Handwerk, Material-Wiederverwendung und liebevollen Umgang mit der Natur. Ohne jemals konservativ oder langweilig zu werden.

Das Historische Museum in Ningbo

Das Historische Museum in Ningbo (2008) ist ein monolithischer Block, in den tiefe Canyons und steile Klippen eingeschnitten sind. Die Besucher können den Bau durchwandern wie eine Landschaft.

In China war es von jeher üblich, Baumaterialien wiederzuverwenden und ganze Gebäudeteile zu erhalten. „Hier gibt es Häuser, da finden sich 400, 500, ja 1000 Jahre alte Mauern“, erzählt er begeistert. 1997 gründete Wang mit seiner Frau, der Architektin Lu Wenyu, ein Büro in Hangzhou, ganz unten im Südosten diesmal, 170 Kilometer südwestlich von Schanghai und 3200 von seinem Geburtsort entfernt. Hangzhou wählte er wegen der schönen Umgebung der alten Hafenstadt – und wegen ihrer Bedeutung in der traditionellen Landschaftsmalerei.

Das Büro, das nun weltberühmt ist, hat nur eine Handvoll Mitarbeiter und trägt einen ebenso bescheidenen wie programmatischen Namen: Amateur Architecture Studio. Amateur, das steht für Wangs Motiv – Liebe zur Arbeit statt Profit – und für seine Arbeitsweise, eher wie ein Künstler und Handwerker, keineswegs wie jene Planungs-Technokraten, die hier ländliche Gegenden in Bauwüsten verwandeln. „Für Chinesen ist ein Gebäude heute meist nichts als ein Container, dessen Funktionen nach Wunsch geändert werden können“, beklagt Wang. Um das zu ändern, ist er seit zwölf Jahren Professor und seit Kurzem auch Dekan an der Kunstakademie in Hangzhou, ermuntert seine Studenten zu universalen musischen Übungen von Kalligrafie bis zur Literatur. Und rettet die Steine von Abbruchbaustellen.

Die setzt er keineswegs nur bei kleineren Projekten ein, sondern auch im großen Maßstab – wie beim Xiangshan Campus der China Academy of Art in Hangzhou, eine Art Stadt in der Stadt, mit Höfen, die sich zur Landschaft öffnen. Seine teils geschweiften Dächer sind mit über zwei Millionen Fliesen aus abgerissenen traditionellen Häusern gedeckt. Aber es ist nicht nur das Material. Wang, der neben Wohnhäusern vor allem Museen und Universitätsgebäude schuf, beschwört noch eine zweite architektonische Traditions-Tugend, die im heutigen China verloren zu gehen droht: den bewussten Bezug zum Ort, zur Umgebung, zur Natur. In seinen Vorlesungen bezieht sich der Individualist, der selbst vom Malen her kommt und sich Architektur im Alleingang erschlossen hat, gern auf klassische chinesische Gemälde mit ihrer Harmonie von Bäumen und Felsen, Wasser und Bergen. Bevor er selbst an den Entwurf eines Gebäudes gehe, erzählt er, verbringe er viel Zeit am Bauplatz, spüre ihm nach, umwandere ihn, sammle Eindrücke und studiere seine Geschichte.

Autor:
Heiner Scharfenorth
Fotograf:
Fu Xing, Lang Shuilong, Lu Wengu, Lv Hengzhong