Pritzker-Preisträger Architektur nach der Ästhetik der Moderne

Der Pritzker-Preis geht 2012 erstmals nach China. Preisträger Wang Shu schwört, ganz gegen den Mainstream, auf traditionelle Tugenden, auf Handwerk, Material-Wiederverwendung und liebevollen Umgang mit der Natur. Ohne jemals konservativ oder langweilig zu werden.

Wenzheng College

Wangs Bibliothek für das Wenzheng College an der Suzhou-Uni (2000) mit ihren stillen weißen Pavillons verrät seinen großen Respekt vor alten Regeln der lokalen Gartenkunst und die besondere Lage zwischen Wasser und Bergen.

Seine Bibliothek des Wenzheng College an der Uni Suzhou unterwarf er den überlieferten Regeln der Gartenkunst in Suzhou – die unter anderem fordern, dass Bauten, die zwischen Wasser und Bergen liegen, nicht zu prominent sein dürfen. Also versteckte er fast die Hälfte des Volumens unter der Erde und setzte darüber kleine, weiße Pavillon-Kuben, die zum Teil im See stehen. Sie passen sich der Landschaft nicht an, schaffen aber neue reizvolle Beziehungen zu den bambusbegrünten Hügeln im Hintergrund. Durch sein kalkuliertes Spiel mit der Geometrie, Licht und Schatten, Körper und Raum verrät Wang hier wie nebenbei, dass er auch die Ästhetik der Moderne perfekt beherrscht.

Und wie geht dann einer wie Wang mit banalen Standard-Aufgaben um? Zum Beispiel mit Wohn-Hochhäusern? Ganz einfach: Er nimmt klassische chinesische Hof-Häuschen – und stapelt sie übereinander. Seine Vertical Courtyard Apartments in Hangzhou bestehen aus sechs 26 Stockwerke hohen Türmen und haben auf jeder zweiten Etage einen offenen Hof. „Sie sehen aus“, sagt Wang, „als wären sie eine Vertikal-Horizontal- Verschiebung eines traditionellen Städtchens in Südchina.“ Und der besondere Clou an diesem Entwurf: „Jeder Bewohner in jeder Etage kann sich an einem eigenen Hof erfreuen und hat dazu noch das Gefühl, im zweiten Stock zu leben“, erklärt der Architekt.

Autor:
Heiner Scharfenorth
Fotograf:
Fu Xing, Lang Shuilong, Lu Wengu, Lv Hengzhong