Pritzker-Preisträger Typisch Wang

Der Pritzker-Preis geht 2012 erstmals nach China. Preisträger Wang Shu schwört, ganz gegen den Mainstream, auf traditionelle Tugenden, auf Handwerk, Material-Wiederverwendung und liebevollen Umgang mit der Natur. Ohne jemals konservativ oder langweilig zu werden.

Xiangshan Campus

Für den Xiangshan Campus der China Academy of Art in Hangzhou (2007) wählte Wang als zentrales Motiv offene Höfe, die Ausblicke in die Landschaft bieten und das riesige Bauvolumen auflockern. Großbauten wechseln mit intimen Zonen, Stein und Beton mit Holz.

Wang entwirft – mit Bleistift und Papier, nicht mit dem Computer – und findet seine Formen oft ganz spontan. Jeder Bau gerät ihm anders. Über Feinheiten, Details und Veränderungen entscheidet Wang während der Bauphase – immer nur im Dialog mit den eigentlichen Machern, seinen geliebten Handwerkern. Das Historische Museum in Ningbo verdankt seine markante, skulpturale, monolithische Block-Form einer schlaflosen Nacht, in der Wang die Vision von einem schweren, quadratischen Steinkörper überkam. Auch hier wurden die Steine am Ort abgebrochener Bauten eingesetzt. „Ich mag es“, sagt Wang, „wenn neue Gebäude etwas haben, was schon vorher da gewesen ist.“ Mit Treppen, Canyons, Klüften und Höfen wird der mystische, burgartige Bau zu einem Erlebnis für seine Besucher.

Baut er bald auch im Westen? Davon ist nicht zuletzt nach dieser Ehrung auszugehen. Bisher gab er nur zwei Kostproben: Wangs einzige Werke im Ausland waren Installationen auf den Ar chitektur-Biennalen in Venedig – 2006 „Tiled Garden“, ein sanft abfallendes Feld aus 66 000 Abbruch-Dachziegeln aus China, über die ein schmaler Bambussteg führte, 2010 dann „Decay of a Dome“, eine Minimal-Kuppel aus übereinander balancierenden Holzlatten an den Grenzen des Nichts. Die erste eine poetische Hommage an die zeitlose Schönheit des Alters, die andere eine Lehr-Skulptur über Konstruktion und ästhetische Wirkung, über das Wesen von Architektur. Beide Arbeiten sind nur temporär und nur für Architekturfans. Aber beide sind typisch Wang.

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Autor:
Heiner Scharfenorth
Fotograf:
Fu Xing, Lang Shuilong, Lu Wengu, Lv Hengzhong