Störenfriede mit Humor Störenfriede mit Humor

Störenfriede mit Humor: Hinter den fünf Buchstaben MVRDV stehen drei Architekten, die seit über 20 Jahren Maßstäbe setzen. Sie veränderten die Ästhetik des Bauens in ihrer holländischen Heimat und erweitern den Architekturbegriff bei komplexen Projekten in aller Welt. Unsere Leser wählten MVRDV zum „A&W-Architekt des Jahres 2012“.

WoZoCo

WoZoCo

Die Wohnanlage mit den frei schwebend vorspringenden Räumen und bunten Balkons in Amsterdam-Osdorp machte MVRDV 1997 berühmt.

Furore machte MVRDV mit Provokationen gegen überlieferte architektonische Sehgewohnheiten: Dem Wohnkomplex WoZoCo in dem Amsterdamer Vorort Osdorp, aus dessen Fassade wie ausgezogene Schubladen Bausegmente bis zu elf Meter weit freitragend vorragen – und vorn noch vorwitzig bunte Balkons tragen. Oder dem Funkhaus VPRO in Hilversum, einem Kubus mit Kurven und schiefen Ebenen, der nächtlich in geheimnisvolles Neonlicht getaucht ist. (beide A&W 2/2000). Dann kam der internationale Auftritt mit dem niederländischen Pavillon auf der Expo 2000 in Hannover, der das Thema „Dichte“ auf freche Weise wörtlich nahm. Sieben verschiedene Landschaftstypen der Niederlande luden übereinandergeschichtet zu einer Art vertikalem Spaziergang – ein Publikumsmagnet. Das Gestaltungsprinzip des Stapelns, des Addierens unterschiedlicher Funktionen, Dimensionen, Proportionen und Fassaden wurde bei vielen späteren Bauten zum Markenzeichen von MVRDV, der vielschichtige Umgang mit Behausungen zur eigentlichen Stärke des Büros. Ihm entsprangen viele kleine Villen, aber auch monströse Anlagen wie die „Parkrand Residence“ in Amsterdam mit 174 Wohnungen. Um diesem Doppel-Brückenhaus den etwas misanthropischen Maßstab zu nehmen, tricksten die Architekten, indem sie die Accessoires auf XXL-Maß aufbliesen: Blumentöpfe, aus denen Bäume wachsen. Dieser ironische, manchmal auch zynische Humor war es, der MVRDV berühmt – und berüchtigt – gemacht hat. Die Groß-Wohnanlagen – Silodam in Amsterdam etwa, eine containerartige Schichtung in Bunt, Mirador in Madrid, eine schwarzgraue Monumental-Collage, und Frøsilo in Kopenhagen, zwei verglaste Rundkörper, die Silos gleichen – verbrämen nicht, was sie sind, heucheln keine falsche Romantik. Manchmal gibt sich MVRDV aber auch verspielter – so etwa, wenn auf einem Stadthaus in Rotterdam ein knallblauer Dachaufbau im Häusle-Look thront: „Didden Village“ ist eine fröhliche Assemblage, die dörfliche Atmosphäre in die Stadt holt – und dabei ironisiert (A&W 1/2009).

Der Schwung der frühen Jahre war nicht ganz durchzuhalten. So manches Projekt beschäftigt das Trio dazu über Jahre hinweg (auch das Expo-Haus ist nach seiner temporären Nutzung in eigentlichem Sinne nie fertig geworden und verkommt inzwischen als hässlich schöne Ruine, als eine Art Folly, im Post- Expo-Gewerbepark). „Spijkenisse Library“ wurde 2003 erdacht und wird erst in diesen Monaten fertig: ein Bildungsberg in einem Rotterdamer Arbeiterviertel als „Kletter“-Buchregal unter zeltartiger Glasstahlkonstruktion. Noch mehr Zeit wird der gigantische Bogen (insgesamt 77200 Quadratmeter!) der neuen Markthalle in der City beanspruchen, die von Wohnwaben umsponnen wird. Es sind andere Zeiten angebrochen in den Niederlanden. Und in der Krise werden die Leute vorsichtiger, weiß MVRDV. Sechs Millionen Quadratmeter Bürofläche stehen in den Niederlanden leer.

Autor:
Dirk Meyhöfer
Fotograf:
Jan Kopetzky, Rob’t Hart