Das Wesen der Steine

Prähistorisch anmutende Gesteinsbrocken prägen gerade die zeitgenössische Architektur – Felsen aus Granit, Basalt oder Beton. Was erzählt diese schwergewichtige Ästhetik?

Das Dach in John Lautners Elrod Residence stützt ein Felsen. Auch im Albert Frey House nehmen mächtige Gesteinsbrocken eine tragende Rolle ein. Beide Häuser in Palm Springs, Ikonen der Moderne, wurden nicht nur in die, sondern mit der Landschaft gebaut – eine radikal-dramatische Verbindung von innen und außen, die vor 50 Jahren in der kalifornischen Wüste entstand. Jetzt wagen Architekturbüros auf verschiedenen Kontinenten erneut Zeitreisen in diese bahnbrechende Steinzeit. Sie kombinieren auffällig schwere Findlinge mit Glas, Holz und Beton. Dabei wirken die Steine mal wie eigenwillige Skulpturen, mal wie ein Objet trouvé, mal haben sie den Charme einer Ruine, mal die Ursprünglichkeit einer Höhle. Teil der Landschaft sind sie jedoch alle nicht.

„Die Materialität eines architektonischen Projekts wird oft als seine Konstruktion und sein Ausdruck verstanden“, sagt der niederländische Architekt und Künstler Anne Holtrop. „Meine Wahrnehmung hat sich dahin gehend verändert, dass ich mich auf den Prozess der Bearbeitung eines Materials und die einzigartige Geste konzentriere, die von einem bestimmten Material diktiert wird.“

Fließende Wände

Materialgestik nennt Holtrop diese Verlagerung, die es ihm ermöglicht, Form und Ausdruck seiner Architektur im Herstellungsprozess zu finden. Wie beim Green Corner Building, einem Depot für die historische Kunstsammlung des Scheik Ebrahim Kulturzentrums in Muharraq, Bahrain. Dessen sandgegossene Betonwände ahmen das Relief von Felsen nach und formen die Fassade als eigenständiges Objekt. „Der Schwerpunkt liegt auf der Veränderung der Materie in ihrem flüssigen Zustand, bevor sie sich verfestigt und aushärtet“, erklärt der Architekt, der in Bahrain eine Dependance seines Amsterdamer Studios eröffnet hat.

Klingende Felsen

Die chinesischen Architekten Li Hu und Huang Wenjing sind schon seit Langem von Steinen fasziniert. „Wir haben eine Sammlung von kleinen Gesteinsbrocken aus allen Teilen der Welt, in die wir gereist sind“, erzählen die beiden Partner von OPEN Architecture (Peking). „Die Natur ist unsere ultimative Inspirationsquelle.“ Für die Chapel of Sound hat OPEN ein felsenartiges Amphitheater gebaut, das sich als künstlicher Monolith in die hügelige Umgebung nahe der Chinesischen Mauer einpasst. Im vergangenen Dezember wurde das offene Musiktheater fertiggestellt, erste Aufführungen sind im Frühling geplant. Ein Cellist schwärmt, der Nachhall im Auditorium sei perfekt, das Klangerlebnis unbeschreiblich.

 

Jeder Raum übertrage Gefühle und Erinnerungen, ist der japanische Architekt Shuhei Aoyama überzeugt. Zusammen mit Yoko Fujii leitet er das B.L.U.E. Architecture Studio in Peking, das im ostchinesischen Aranya mit dem Zolaism Café jüngst ein Stück Natur in die Stadt gebracht hat. Form und Beschaffenheit der Betonfelsen sollen den Gästen vermitteln, dass sie sich im Freien ausruhen. Gleichzeitig verbergen sich in den beiden größeren Formationen kleine private Rückzugsräume. Steine, so der Philosoph und Soziologe Roger Caillois im Jahr 1975, seien „weder Werk noch Wesen“. Dessen Steinsammlung hat den Architekten Anne Holtrop nachhaltig inspiriert. In der gegenwärtigen Architektur bilden Felsen ein Pendant zu unserem hoch technisierten Alltag. Exakt diesen Kontrast zwischen Naturgestein und Hightech-Material empfand schon Albert Frey als „äußerst aufregend“. Erstaunlich, dass die neuen Findlinge offenbar selten wirklich aus der Steinzeit kommen. Mystisch sind sie allemal.