Noch nicht übern Berg Bad Gastein im Salzburger Land

Früher war Bad Gastein im Salzburger Land The Place To Be: Die Spielwiese des Hochadels, Kur- und Sehnsuchtsort der europäischen Intelligenz. Dann begann ein rasanter Abstieg. Heute weiß das einstige "Monte-Carlo der Alpen" selbst nicht so recht, was aus ihm werden soll. Es gäbe einige Möglichkeiten.

Ein Rauschen in den Ohren. Bei jedem Schritt intensiver, gewaltiger. Bei jedem Schritt Richtung Ortsmitte. Mit donnerndem Getöse stürzt ein Wasserfall 200 Meter in die Tiefe. Mitten durchs Zentrum, zerschneidet den Ort, der sich im gestreckten Halbkreis um dieses Naturschauspiel versammelt hat. Eine einzigartige Triple-A-Lage. Die besten Plätze an der Brücke auf halber Höhe des Wasserfalls haben sich die ehrwürdigen Hotels gesichert.

Aber – hier stimmt was nicht. Neben dem Rauschen: Stille. Totenstille. Die meisten Hotels sind geschlossen, verrammelt. Der Putz bröckelt. In den Auslagen der Geschäfte nur Alibi-Angebote, daneben Entschuldigungsschreiben, man möge bitte schräg gegenüber bei Wally’s Moden nachfragen, falls man sich für die einsame Handtasche im Schaufenster interessiere. Die Scheiben sind trübe, die Schreiben vergilbt. Hier interessiert sich kaum jemand für die Handtasche. Der Ortskern wirkt wie ein Goldgräberdorf nach dem Gold-Rush.

Bad Gastein, eine Autostunde südlich von Salzburg, ist in mehrfacher Hinsicht ein Goldgräberdorf. Im Wortsinn, weil seit dem 16. Jahrhundert vor allem im nahe gelegenen Radhausberg nicht unerhebliche Mengen an Gold und Silber gewonnen wurden. Vor allem aber im übertragenen Sinne kam hier Goldgräberstimmung auf. Nicht zuletzt, nachdem der berühmte Arzt Paracelsus seine offizielle Bestätigung hinsichtlich der Heilkraft der radonhaltigen Quellen kundgetan hatte und damit halbwegs die Wundergeschichte von dem waidwunden Hirsch beglaubigte. Der, so die Legende, labte sich schwer verletzt an einer der Gasteiner Quellen und sprang kurz darauf wieder gesund durchs Unterholz.

Beides, die Hirsch-Legende und das Paracelsus-Gütesiegel, sprach sich nach und nach im weiteren europäischen Umfeld herum und gelangte auch dem preußischen Oberhaupt, Kaiser Wilhelm I., zu Ohren. Die Nachricht war ein großes Versprechen: ein Heilmittel gegen Gicht, Arthritis und Rheuma, den Modekrankheiten der besseren Gesellschaft jener Zeit. Der Kaiser begab sich auf den damals noch äußerst beschwerlichen Weg zur Kur nach Bad Gastein, erstmals 1863 und danach mit einem Jahr Pause jedes Jahr bis 1887, kurz vor seinem Tod. Einen prominenteren Botschafter hätte man sich nicht wünschen können. Noch heute dankt Bad Gastein ihm mit einem Denkmal an der Kaiser-Wilhelm-Promenade.

So begann der unaufhaltsame Aufstieg des kleinen Bergdorfes zu einer der gefragtesten Adressen Europas. Im Gefolge des Kaisers begehrten immer mehr Persönlichkeiten aus Hochadel, Industrie und Kultur einen Platz an den heilsamen Quellen – die Gästeliste reicht vom Schah von Persien über Thomas Mann, der hier die Neufassung des „Felix Krull“ schrieb, bis zum hannoverschen Keksfabrikanten Hermann Bahlsen. Viele Gäste bedeuteten, dass viele Betten benötigt wurden. Als erstes der neuen riesigen Gästehäuser eröffnete 1842 das gewaltige Hotel Straubinger. Es ist das erste einer erstaunlichen Anzahl Grandhotels.

Einige Zeit ist die Hotelierfamilie Straubinger der unangefochtene Platzhirsch am Ort. Bis ein gewisser Hans Windischbauer in Bad Gastein einen Krämerladen und eine Wechselstube eröffnet. In Windeseile gelangt er zu Wohlstand und investiert in Hotels. Elf Riesenpaläste, darunter Grandhotels wie den Kaiserhof und das Astoria, eröffnet er binnen einer Generation. In den Jahren zwischen 1870 und 1914 gibt es einen regelrechten Hotel-Bauboom, einen Wettkampf zwischen Straubinger und Windischbauer. Obwohl zu jener Zeit die Häuser nur von Mai bis Oktober geöffnet sind, nehmen die Hoteliers in einer Saison so viel Geld ein, dass sie davon gleich den nächsten Prunkpalast errichten lassen können.

Die Aufträge für die neuen Bauprojekte gehen an den aus dem Friaul stammenden Baumeister Angelo Comini, der in dieser Zeit sozusagen ein Monopol auf die architektonische Ausgestaltung des Ortes hat. Seine ausgefallenen Bauten bilden bis heute ein einzigartiges Architekturensemble, vermitteln den Eindruck eine mondänen Stadt weit oben in den Bergen. Sie machen den besonderen Reiz von Bad Gastein aus. Comini baute die Häuser nicht an den Hang, sondern schlug eine Ecke aus dem Berg heraus. Dort errichtete er eine Schwerlastmauer schräg zum Hang, die ihn durch ihr Eigengewicht stabilisiert. Der Abstand zum Berg beträgt im untersten Kellergeschoss etwa einen Meter, auf Straßenniveau drei bis vier Meter. Deshalb führen Brücken zum Eingang.

Der Abstand zum Berg hatte enorme Vorteile:Erstens wurde das Haus auch noch in den Untergeschossen belüftet, und zweitens läuft das Wasser unter dem Haus ab. Darüber hinaus ergab sich noch ein interessantes Phänomen: Bergseitig haben die Hotels oft fünf Etagen, von der Straße sehen sie aus wie ein weitgehend normales Haus. Weil es so steil bergab geht, konnten sie auf der Rückseite zum Tal hin zehn- bis zwölfgeschossig ausgebaut werden, manche hatten sogar 14 Stockwerke. Das brachte dem heute gerade mal gut 4000 Einwohner zählenden Kurort die paradox klingende, aber treffende Bezeichnung "Wolkenkratzerdorf“ ein.

Die in jeder Hinsicht aufstrebende Gemeinde erlebt durch Weltkriege und Weltwirtschaftskrise erhebliche Aufs und Abs. Aber noch in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts frönt hier die feine Gesellschaft einem gehobenen Lifestyle. Durch den Ort flaniert man im Smoking. Hans Buchner, Betreiber der Après-Ski-Bar Hexenhäusl, erinnert sich noch lebhaft an seine Kindheit, als er mit seinen Freunden vom Gehweg springen musste, wenn ihnen die Kurgäste entgegenkamen. „Und die Skilifte waren auch nur für die feinen Damen und Herren. Allein weil wir sie gar nicht bezahlen konnten.“ Die normale Bad Gasteiner Bevölkerung mochte die reichen Gäste nicht besonders. Vor allem aber die Profiteure des Booms, die Hoteliers, waren verhasst.

Die wiederum verkennen die Zeichen der Zeit. Noch immer ist Bad Gastein in erster Linie ein mondäner Sommer-Kurort, Wintersport spielt keine große Rolle. Anders beim aufstrebenden Nachbarn Kitzbühel, wohin die feine Gesellschaft weiterzieht. Bad Gastein setzt auf neue Einnahmequellen: Ärztekongresse. Im Ortszentrum wird kurzerhand die Wandelhalle abgerissen, um Platz zu machen für ein Kongresshaus. Es wird in jeder Hinsicht ein Desaster! Der Salzburger Architekt Gerhard Garstenauer, der zuvor nicht unoriginell das höher gelegene Felsenbad buchstäblich aus dem Berg gesprengt und die Badeeinrichtungen in die schroffen Klippen integriert hat, errichtet 1970–74 im Zentrum einen brutalistischen Fremdkörper, der auch auf den zweiten Blick noch wie ein riesiges hässliches Ufo aussieht, das sich in den Bergen verirrt hat und notlanden musste. Kaum zu glauben, dass der Architekt für dieses Gebilde sogar den Architekturpreis des Landes Salzburg erhalten hat.

Aber nicht nur ästhetisch, auch ökonomisch ist das Kongresshaus ein Debakel: Die erhofften Kongresse bleiben aus, Der Ort hat sich mit den Investitionen für den massiven Komplex erheblich übernommen. Auch bautechnisch ist das Kongressgebäude ein Sündenfall: von Anfang an undicht, rottet es vor sich hin. Im Inneren des längst geschlossenen Komplexes schwemmen die Teppiche und Sofas auf, giftige Gase werden freigesetzt. Andererseits ist dieser Misserfolg nachträglich gesehen sogar ein Segen. Wäre das Projekt so erfolgreich gewesen wie erhofft, hätte man weite Teile des Ortskerns abgerissen und in moderner flacher Bauweise neu errichtet. Der alte Charme wäre dahin gewesen. Ein Albtraum.

Einige Versuche, Bad Gastein ein Revival zu bescheren, misslingen. Das Grand Hotel de l’Europe erlebt in den 80er-Jahren eine pompöse Wiedereröffnung, Liza Minnelli ist (fürstlich honorierter) Stargast der Gala. Später tritt hier Shirley Bassey auf, auch Falco. Es ist ein vorerst letztes Aufflackern. Der Betreiber macht Pleite. Der vorläufige Schlusspunkt des Größenwahns im Manhattchen der Alpen.

So wird Bad Gastein Spielball dubioser Spekulanten. Der Wiener Franz Duval, dort bekannt als „Garagenkönig“, weniger als seriöser Investor, erwirbt für einen Spottpreis das Hotel Straubinger, das Badeschloss, das Haus Austria, das Postamt und das Kongresshaus – praktisch das gesamte Zentrum. Und er tut – nichts. Immer wieder wird um Investitionen und Neustarts gerungen, immer wieder scheitern die Verhandlungen.

Warum eigentlich? Was trieb den angeblichen Investor um? Es gibt Gerüchte. Er wollte den Ort ausbluten, munkelt man. Von innen verwesen lassen, weil Duvals Familie an die Nazis verraten wurde. Es gibt diese abenteuerlichen Gerüchte in verschiedenen Versionen. So heißt es auch, dass Duval während des Krieges Wasser verwehrt wurde, weil er Jude sei. Aber es gibt keinen Beleg dafür. Nicht mal, dass er Jude war. Schlüssig war Duvals Strategie trotzdem nicht. Auch die seines Sohnes scheint verworren. Der träumt zum Beispiel von gigantischen Seilbahnen, die vom Kongresszentrum auf den Berg führen, aber dafür bekäme er gar keine Genehmigung. Eher, meinen manche Bad Gasteiner, sollte man aus dem Komplex im Zentrum ein Gewächshaus machen. Denn Gemüse wächst auf tausend Meter Höhe nicht unter freiem Himmel. Und das Haus müsste nicht mal richtig dicht sein.

So bleibt es Privatleuten vorbehalten, den Ort wiederzubeleben. Es ist eine Operation am offenen Herzen. Und eigentlich sind viele Operationen nötig. Immerhin – es tut sich was. Ein Teil des alten Ortskerns ist mittlerweile fest in schwedischer Hand. Ein findiger Reiseunternehmer aus dem Norden hat den Salzburger Hof erworben und bietet Reisen mit Extrem-Skifahren an. Nach und nach kauft er fünf weitere Nachbarhotels, eröffnet Bars. Im Schwedenviertel ist immer Halligalli. Bad Gastein gilt in Skandinavien als supercool. „Das war auch früher so“, erinnert sich Uki Bellmann, Künstlerin und Hotelerbin der denkmalgeschützten Villa Hubertus. „Wenn du nach München kamst und sagtest, du seist aus Bad Gastein, hast du ein anerkennendes ,Wow‘ geerntet. Heute fragen die Leute: Wo ist das denn?“ Uki Bellmann träumt von der Verwandlung Bad Gasteins in einen Künstlerort. Mit Kunsthochschule, Kunstmesse, „Artists in Residence“. Platz genug ist ja da. „Und es würde dem Ort eine neue Attraktion geben, neue Zielgruppen anlocken.“ Neue Zielgruppen sind auch das gemeinsame Ziel von einigen innovativen Hoteliers wie Olaf Krohne. Der Hamburger Gastronom hat das Hotel Regina erworben. Mit seinem Engagement zeigt er, wie es funktionieren kann. Wie man wieder ein junges, zahlungskräftiges und kulturell interessiertes Publikum hierherlocken kann.

Auch die mit persönlichem Charme eingerichteten Hotels Haus Hirt und ein Stück bergauf das Miramonte sind Vorreiter der deutlich spürbaren Aufbruchstimmung in Bad Gastein. Die stilvollen und doch sehr entspannten Unterkünfte haben den Nerv der neuen Generation von Besuchern getroffen. Meist sind beide Häuser ausgebucht bis unter das Dach. Aber auch hier scheint etwas nicht zu stimmen. In der Bar des Haus’ Hirt im aufgefrischten Sixties-Flair mit Drehledersesseln, in denen man sich wohler fühlen kann als zu Hause, findet man keine Gäste mit cooler James-Bond-Atti tüde. Auf dem Tresen stehen drei Gläser schlumpfblauen Inhalts. Mit fröhlichem Gejohle schnappen sich drei Kids ihre Cocktails und stürmen zurück in den Nebenraum, wo ihnen schon vorab das Abendessen serviert wurde – und gleich die abendliche Bespaßungsrunde beginnt. Das freut Kinder und Eltern gleichermaßen. Die können derweil in Ruhe ihr vorzügliches Abendmenü genießen. Ein Hotel für die ganze Familie. Gar keine schlechte Idee zur Nachahmung oder vielleicht Anreiz, ein ähnlich attraktives Angebot zu erstellen. Die umliegenden Häuser warten doch nur darauf.

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Giovanni Castell