Architektur nach Partitur Die Frage nach dem Standort

Berliner Philharmonie von Architekt Hans Scharoun

Ursprünglich war die Fassade der Philharmonie in einem Ockerton gestrichen, fast so, wie sie heute bei schwerem Gewitterhimmel erscheint.

Bevor es so weit ist, gilt es, sich überhaupt über den Standort zu einigen. Der Wettbewerb sah nämlich einen Bau vor auf dem Gelände hinter dem ehemaligen Joachimsthaler Gymnasium an der Bundesallee südlich des Kurfürstendamms (heute Universität der Künste, Fachbereich Opern- und Konzertdirigenten). Aber Scharoun favorisiert eine Verlegung in die Nähe des ehemaligen Konzertsaals an der Bernburger Straße und dem Potsdamer Platz. Die Philharmonie soll Teil eines Kulturforums werden und eine Verbindung zur Museumsinsel im Ostteil der Stadt herstellen. Scharoun, gebürtiger Bremer und wortkarger Nachtarbeiter, ist hartnäckig. Nach einigem Hin und Her setzt er sich mit seiner Idee durch.

In Fachkreisen ist das Projekt umstritten. „Nicht baubar“, äußern sich mehrere Architekten und Ingenieure in ihren Stellungnahmen zu Scharouns Konzept lapidar. Sie sollten sich täuschen. Die Grundsteinlegung findet am 19. September 1960 statt. Als gut ein Jahr später im Dezember das Richtfest gefeiert wird, hat sich die Welt entscheidend verändert. In unmittelbarer Nähe des angehenden Konzerthauses verläuft seit dem August 1961 die Mauer. Die Philharmonie würde sich statt im Zentrum der Stadt auf einer versteppten Fläche südlich des Tiergartens am Rande Westberlins zurechtfinden müssen. Aber Hans Scharoun lässt sich nicht beirren. Er verfolgt seinen Plan, vor dem Potsdamer Platz ein kulturelles Zentrum zu etablieren (im Verbund mit der heutigen Staatsbibliothek, für die er ebenfalls verantwortlich ist, und der Neuen Nationalgalerie, die Mies van der Rohe 1968 bauen wird).

Fassade der Berliner Philharomonie

Tatsächlich ist sie mit gold-eloxierten Aluminiumblechen verkleidet und teilweise auch mit Kunststoffplatten, die wegen der erhöhten Brandgefahr eine eigene Sprinkleranlage brauchen.

Scharoun konzipiert die Philharmonie konsequent von innen nach außen. Wichtiger Berater an seiner Seite: der Akustiker Lothar Cremer, Professor an der Technischen Universität. Der ist erst einmal skeptisch. Er befürchtet, Scharoun habe bei seinem Entwurf „wohl eher an gesellschaftsbildende als an akustische Aspekte gedacht“. Aber die Aufgabe reizt ihn auch. Und Scharoun stellt sein Werk ganz in den Dienst der Musik, ordnet alles dem perfekten Klang unter. Er scheut sich auch nicht vor elementaren formalen Änderungen seines Entwurfs. Sein Wettbewerbsentwurf sah noch eine konkave (Kuppel-)Wölbung vor. Das hätte erhebliche akustische Probleme gebracht, die durch die Umkehrung zur konvexen (Zelt-)Konstruktion eliminiert wurden. Die Decke der Philharmonie wird aus drei konvex gewölbten, also quasi durchhängenden Bögen bestehen, die eine gleichmäßig diffuse Ausbreitung des Schalls bewirken.

Gefordert war für den Konzertraum eine Nachhallzeit von zwei Sekunden, was als optimal gilt. Längerer Nachhall (besser für klassisch romantische Musik) verwischt den Ton, kürzerer (besser für moderne) nimmt ihm den Glanz. Da sich die Nachhallzeit nach dem durchschnittlichen Luftraum pro Person berechnet, brauchte der Saal für die gewünschten 2218 Plätze (plus 120 Chorplätze plus Orchester und Dirigent) ein Volumen von etwa 26 000 Kubikmetern. Dafür muss - te die Decke auf 22 Meter über dem Dirigentenpult angehoben werden. Das ist der Weg, den die ersten und folgenden Töne emporsteigen müssen, bis sie sich an den Wölbungen klangvoll in alle Himmelsrichtungen verteilen können.

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach