Architektur nach Partitur Das akustische Konzept

Berliner Philharmonie von Architekt Hans Scharoun
Jedes Detail muss bedacht werden für die Akustik. Die Klappsitze der Philharmonie sind auf der Unterseite gepolstert. Der Konzertsaal wurde auch als Aufnahmestudio geplant. Wenn die Sitze hochgeklappt sind, dämpft das zusätzliche Polster. Akustisch ist kaum ein Unterschied zum voll besetzten Saal zu spüren. Nur einen Mangel konnte das Team nicht beheben: Ausgerechnet in der Ehrenloge ist der Sound am schlechtesten. „Da zeigt sich, wie demokratisch das Haus ist“, schmunzelt Elisabeth Hilsdorf, die Pressesprecherin der Berliner Philharmoniker. Richard von Weizsäcker mied in seiner Dienstzeit als Regierender Bürgermeister den Sonderplatz. Er war eben Musikliebhaber und genoss auch gemeinsam mit Staatsgästen wie der Queen Konzerte lieber auf den (besseren) normalen Plätzen.

Als das akustische Konzept steht, steht eigentlich auch das Bauwerk. Form follows music. Die Gestaltung des Gebäudes folgt exakt den akustischen Voraussetzungen, die der Konzertsaal verlangt. Und Scharoun, ein Anhänger des organischen Bauens und der eben solchen Form, war sicher nicht traurig, dass die Akustik ihm diese extravagante Zeltform diktierte. Schnell entwickelt der Solitär mit seinen ursprünglich ockerfarben gestrichenen Außenwänden (die erst 1981 mit goldfarben eloxierten Aluminiumblechen verkleidet wurden) eine enorme Anziehungskraft. Die Berliner belagern das bullaugige, sonderbar gefaltete Traumschiff im Niemandsland, es ist ein beliebtes Ausflugsziel für Sonntagsspaziergänge. Und natürlich bekommt es sofort einen der Kosenamen, die die Berliner so gern vergeben: „Zirkus Karajani“.

Den Artisten gefällt ihr Zirkus. Jetzt haben die Berliner Philharmoniker auch den perfekten Ort für ihre Darbietungen. Das Orchester, das sich in demokratischen Abstimmungen seine Dirigenten selbst aussucht (auch der aktuelle künstlerische Leiter Sir Simon Rattle musste sich bewerben), etabliert sich in den nächsten Jahren mit umjubelten Konzerten als eines der weltweit begehrtesten Orchester.

Die Vorfreude darauf beginnt schon im Foyer: Mit seinen geschwungenen Wänden, Pfeilern, musikalischen Bodenmosaiken von Erich Reuter und bunten Glasfenstern von Alexander Camaro ist es die architektonische Ouvertüre zu dem anstehende Konzertereignis. Hier stimmt man sich ein, kann sehen und gesehen werden, sich aber auch verbergen vor Blicken der Ankommenden. Später hat man die Wahl zwischen mehreren längeren und kürzeren Wegen zum Konzertsaal durch ein Labyrinth aus Aufgängen. Die Führung der Besucher von der Straße bis zu den Plätzen im Saal wirkt „wie ein Stück Städtebau, dessen Prinzipien für ganze Städte gelten sollte“, schrieb der niederländische Architekt Jakob Bakema nach seinem Besuch.

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach