Walter Gropius Das Hauptgebäude

In der tiefsten niedersächsischen Provinz steht ein Gebäude, das den Beginn der Architekturmoderne markiert. Eher einen Frühstart: Der Architekt Walter Gropius hat erst ein Jahrzehnt später mit dem Bauhaus diesen Stil zum Erfolg geführt. Zum 100-jährigen Jubiläum soll das Fagus-Werk in Alfeld Weltkulturerbe der Unesco werden.

Das Hauptgebäude

 

In allererster Linie aber hat das Hauptgebäude Furore gemacht, und zwar mit einem markanten Element. Bei dem bis auf Sockel und Deckel nahezu voll verglasten dreistöckigen Hauptgebäude wurden die riesigen Fensterflächen stützenfrei um die Ecken gelegt. „Wo man Sicherheit und Festigkeit erwartete, war nur Glas und Brüstungsblech. Der Bau erscheint als kristallines Gebilde, durchsichtig, transparent und leicht“, schreibt der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt in seinem Werk „Deutsche Architektur nach 1900“.

Gropius und sein Partner Meyer müssen für diesen Effekt allerdings erheblichen konstruktiven Aufwand betreiben. Aus statischen Gründen führen sie kreuzende Träger noch einmal diagonal in die gläserne Ecke. Zu sehen ist noch heute dieses aufwendige Gebilde unter der Decke, das sich den Namen „Gropius- Knoten“ verdient hat. Eine „Vorhangfassade“, wie vielfach vermutet, ist die Glasfront allerdings nicht. Zwischen den in jeweils vier mal 16 Rechtecke unterteilten vertikalen Fensterbahnen stehen gemauerte Pfeiler. Die Pfeiler sind geböscht, das heißt, der Abstand zwischen ihnen und der Fensterfront ist oben größer als unten. Durch diesen Trick werden sie kaum als die Fortsetzung des Sockels wahrgenommen.

Mitte der 70er-Jahre ist das Fagus- Werk in jeder Hinsicht in einem bemitleidenswerten Zustand. Die Geschäfte gehen schlecht, die Schuhleistenproduktion wird mehr und mehr in den asiatischen Raum verlagert. Auch die Gebäude verwahrlosen. Die Fensterrahmen rosten vor sich hin, Wasser tropft durch die Decken, an den Innenräumen haben sich im Laufe der Jahre weniger talentierte Gestalter vergangen. In dieser Zeit entscheidet sich das Schicksal der Werke. Wieder ist es die kongeniale Zusammenarbeit eines Unternehmers und eines Architekten, die dem seit 1947 denkmalgeschützten Ensemble zugutekommt. Die Urenkel des Firmengründers, Gerd und Ernst Greten, übernehmen das Geschäft, als Berater engagieren sie den Hamburger Architekten Wilfried Köhnemann, der bereits für ihren Vater privat tätig war. Gemeinsam entscheiden sie sich nach kurzem Zögern gegen einen Abriss und beginnen, das Gropius-Erbe behutsam wieder in den Originalzustand zurückzuführen.

 

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Thomas Herrmann