Walter Gropius Die Bausubstanz

In der tiefsten niedersächsischen Provinz steht ein Gebäude, das den Beginn der Architekturmoderne markiert. Eher einen Frühstart: Der Architekt Walter Gropius hat erst ein Jahrzehnt später mit dem Bauhaus diesen Stil zum Erfolg geführt. Zum 100-jährigen Jubiläum soll das Fagus-Werk in Alfeld Weltkulturerbe der Unesco werden.

Die Bausubstanz

 

Dabei gelingt den Verantwortlichen nicht nur das Kunststück, gleichzeitig die alte Bausubstanz zu bewahren und neue Nutzungen zu integrieren, sondern auch die notwendigen Modernisierungen vorzunehmen, ohne dass sie selbst von Experten bemerkt wurden. „Wir konnten ja nicht in der heutigen Zeit überall die Einfachverglasung beibehalten“, erinnert sich Köhnemann. Denkmalschützerische Bedenken wurden durch unvorbereitete Praxistests zerstreut. Einige Fassadenfenster wurden doppelt verglast, ohne die Angabe, welche. Die Denkmalpfleger konnten sie nicht identifizieren. Die Fassade hatte nichts von ihrer Transparenz verloren.

Auch der Schornstein mit dem charismatischen Wassertank auf halber Höhe bleibt erhalten. Selbst der 1912 von Max Hertwig entworfene Schriftzug prangt immer noch weit sichtbar darauf. Er ist bis heute das offizielle Logo. Das ehemalige Maschinenhaus wird ebenfalls weiter genutzt. Am Kopfende ist ein wandfüllendes Schwarz-Weiß-Foto befestigt, das zeigt, wie es hier früher aussah. Heute ist darin die Kantine untergebracht. Am Büfett steht Doris Dörrie und bewirtet die Mitarbeiter. „Nein, ich bin nicht die bekannte Regisseurin“, lächelt sie. Die ungläubigen Blicke auf ihr Namensschild pariert sie souverän.

Im ehemaligen Lager und Sägewerk sitzen jetzt die Mitarbeiter des Konstruktionsbüros an Rechnern und entwerfen hochkomplexe Keilzinkenanlagen, die auch von Kunden wie Ikea genutzt werden, um stabile Arbeitsplatten zu produzieren. „Bei aller historischer Authentizität war uns wichtig, kein Museum zu errichten, sondern den Komplex weiter für die Produktion zu nutzen“, erzählt der heutige Inhaber Ernst Greten. Er selbst hat erst im Lauf der über 20 Jahre dauernden Renovierungsarbeiten die Bauhaus-Ästhetik zu schätzen gelernt. „Mein Großvater hatte sich in seinem Haus eine Bauhaus-Küche einbauen lassen. Das kam mir früher immer so kalt vor“, sagt er. „Aber vielleicht auch, weil nicht geheizt wurde.“

Pünktlich zum 100. Jubiläum ist das Fagus-Werk der deutsche Vorschlag für die Aufnahme ins Weltkulturerbe der Unesco. Gemeinsam mit dem Naturdenkmal „Deutsche Buchenwälder“. Es ist nur ein Zufall, dass beide Vorschläge so gut zusammenpassen. Denn Fagus ist das lateinische Wort für Buche.

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Schlagworte:
Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Thomas Herrmann