Auferstanden aus Ruinen Der Wiederaufbau Helgolands

Tonnen von Bomben warf die britische Armee auf Deutschlands einzige Hochseeinsel Helgoland. Aus den Trümmern wuchs Mitte des 20. Jahrhunderts ein Schaufenster für das neue Bauen in der jungen Bundesrepublik.

Es dauert nur zwei Stunden, dann ist der Auftrag erledigt: Am 18. April 1945 fliegt die britische Luftwaffe einen gigantischen Angriff auf die kleine Insel in der Nordsee. Die 1000 Bomber ließen nur Trümmer übrig. Aber das war nicht genug. 1947, zwei Jahre nach Kriegsende, wieder an einem 18. April, kommt es zu einem zweiten „Big Bang“. Helgoland soll nie wieder Militärstützpunkt werden. Die Briten deponieren Bomben und Dynamit in den Stollen- und Bunkeranlagen auf der Südspitze der Insel. Die Explosion mit knapp 7000 Tonnen Sprengstoff wird gefilmt, die Bilder gehen um die Welt: Es wird die größte nichtnukleare Sprengung der Menschheitsgeschichte. Und es ist immer noch nicht zu Ende. Noch einmal drei Jahre, bis Anfang 1952, die Bevölkerung ist währenddessen aufs Festland evakuiert worden, bleibt Helgoland noch Übungsziel der Royal Airforce. Als die Menschen schließlich wieder in ihre Heimat zurückkehren dürfen, fehlt die Südspitze ihrer Insel, Teile der Steilküste sind eingestürzt und Krater von bis zu 40 Metern Tiefe überziehen die Landschaft: Das alte Seebad Helgoland ist untergegangen.

Das neue Helgoland will man nicht dem Zufall überlassen: Schon 1951 war ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben worden, der städtebauliche und architektonische Konzepte für eine Neubebauung der Insel ergeben soll. 122 Architekturbüros aus ganz Deutschland sind mit am Start. Von ihnen wird ausdrücklich gewünscht: Geht neue Wege! Was man damals noch nicht weiß: Ihre Entwürfe zeigen exemplarisch und konzentriert das neue deutsche Bauen, das in den folgenden Jahren die ganze junge Bundesrepublik überziehen wird.

Unter den Wettbewerbsgewinnern sind Georg Wellhausen aus Hamburg und Wolfram Vogel aus West-Berlin. Die Entwürfe von Friedrich und Ingeborg Spengelin aus Hamburg, Klaus Groth und Hans-Joachim Meier aus Pinneberg, Walther Hinsch aus Hamburg, Barbara und Wolfgang Vogt aus Kiel, Ekkehard Huber, Ludwig Mau und Walter Baumann aus Hamburg werden mit Ankäufen prämiert. Auch Hans Scharoun, der später die Berliner Philharmonie bauen wird, beteiligt sich an dem Wettbewerb. Sein Entwurf für eine Serie von Versuchswohnhäusern wird mit einem Ankauf ebenfalls ausgezeichnet, wenn auch nicht ausgeführt.

Schon 1952 beginnt der Wiederaufbau Helgolands. Sogenannte Versuchswohnhäuser am Fuß des Helgoländer Felsens entstehen, ein Altersheim im Mittelland, zentrale Einrichtungen am Südstrand, Gewerbebauten auf dem Südhafengelände. Ab 1954 geht es auch an den Bau von Eigenheimen. Die privaten Bauherren dürfen sich allerdings keineswegs einen eigenen Architekten aussuchen. Eine Kommission unter der Leitung des renommierten Architekten Otto Bartning berät und genehmigt alle Hausentwürfe und empfiehlt geeignete Architekten. Die meisten haben sich durch ihre Wettbewerbsbeiträge empfohlen. So entsteht auf der Nordseeinsel in der Deutschen Bucht eine durchgängig homogene Bebauung auf hohem architektonischen Niveau.

Die Zerstörung des alten Helgolands zeigt sich im Nachhinein als Chance. Der innerhalb weniger Jahre realisierte Wiederaufbau ist einzigartig und kreiert ein geschlossenes Ensemble, das sich dennoch durch Individualität im Kleinen auszeichnet. Unter Insidern bekommt die Nordseeinsel Helgoland den Stempel, die „Blaue Mauritius der jungen bundesrepublikanischen Architektur“ zu sein. Helgolands Bauherren schielen dabei in Richtung Skandinavien mit seiner Rolle als Vorreiter einer modernen, betont sozialen Architektur: Flach geneigte Steildächer und strenge kubische Formen dominieren die Entwürfe. Und mit dem 1952 erlassenen „Helgoland-Gesetz“ stehen jetzt auch die Mittel für den Aufbau bereit: Die Helgoländer werden den Ost-Vertriebenen gleichgestellt und können Beihilfen aus Bundesmitteln für den Wiederaufbau beantragen. Mitte der 1960er ist er abgeschlossen. Entstanden sind in dieser Zeit auch die berühmten bunten Hummerbuden, die Besucher der Insel gleich nach der Anlandung in Empfang nehmen. Die farbenfrohen Häuschen im skandinavischen Stil, von Georg Wellhausen als Einfassung des durch die Sprengungen entstandenen Mittellandes konzipiert, werden schnell zum architektonischen Wahrzeichen des neuen Helgolands.

Nicht allen gefällt die neue „Architektonische Perle“ in der Nordsee. Die Helgoländer leiden manchmal unter den Vorgaben vom Denkmalschutz, die keine Veränderungen an der Bausubstanz zulassen, und auch nichts ahnende Tagestouristen empfinden das Ensemble gern schon mal als „gestrig“. Sie sollten sich von Jan Lubitz von a-tour aus Hamburg durch die Straßen und die schmalen Wege führen lassen. Der Architekt, der auch ein Buch über die Bebauung Helgolands geschrieben hat, schwärmt: „Selbstständig, beharrlich und durchaus auch eigensinnig – Helgolands Charakter spiegelt sich in der Architektur wider. Hier ist keine Wiederaufbau-Standardarchitektur entstanden, sondern ein lokales Phänomen, das es so nirgendwo sonst auf der Welt gibt!“

 

 

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Autor:
Brigitte Jurczyk
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach