Nicht nur für Opernfans Ein Tag in Verona

Aida, Carmen, Romeo und Julia – Arien in der Arena. Doch abseits der Touristenziele gibt es in Verona mehr zu erleben: modernes Design in Galerien, kreative Küche – und Werke eines genialen Baumeisters.

Die entscheidende Frage bei einem Besuch in Verona lautet: Wie vermeidet man die allgegenwärtige Flut von Touristen, die sich durch die Altstadt wälzen – im Bermudadreieck zwischen Arena, Piazza Erbe und dem berühmten kleinen Hinterhofbalkon, unter dem Romeo stand und zu Julia hinaufschmachtete? Und die nächste Frage wäre: Hat Verona überhaupt mehr zu bieten als die berühmten Opernfestspiele?

Hat es. Zum Beispiel das Museo di Castelvecchio. Das zeigt den interessierten Besuchern aus aller Welt eine reizvolle historische Skulpturensammlung und ungewöhnliche Renaissance-Malereien der Region. Der eigentliche Blickfang des Museums aber wird von den meisten Besuchern höchstens unterbewusst registriert. Wie schade! Denn das Haus glänzt mit einer der gelungensten Ausstellungsarchitekturen von einem der erstaunlichsten Gestalter Italiens – dem venezianischen Architekten Carlo Scarpa (1906–1978).

Mit so wenig Eingriffen wie möglich gelingt es ihm, seine Handschrift – schwarzer Stahl, Beton und Holz in unzähligen rechtwinkligen Mustern – zu zeigen und gleichzeitig die Exponate immer ins rechte Licht zu rücken. Höhepunkt seiner Inszenierung: eine Statue aus dem frühen 14. Jahrhundert auf einem spektakulären Platz auf einer frei stehenden Empore außerhalb des Gebäudes, wo sie von unten, von oben und in Augenhöhe betrachtet werden kann. Es handelt sich um den edlen Ritter Cangrande I. della Scala, der auf seinem Pferd sitzt und offensichtlich in einer Kampfpause versonnen vor sich hin lächelt, den Helm mit einem Hundekopfdekor lässig auf den Rücken geklappt (den gleichen Helm trägt übrigens auch sein Pferd auf dem Kopf).

Carlo Scarpa darf getrost als gestalterisches Mastermind der Stadt bezeichnet werden. Allenthalben trifft man auf seine Handschrift, manchmal sind es auch nur von ihm inspirierte Werke. Aus seiner eigenen Feder stammt nur noch ein weiteres Werk, ein paar Hundert Meter vom Museum entfernt. Viel weitere Strecken gibt es ohnehin nicht in der historischen Altstadt, die von der Etsch wie ein auf dem Kopf stehendes U umflossen wird. Die Banca Popolare di Verona gehört nicht zum Sightseeing-Programm, entsprechend entspannt lässt sich das Gebäude genießen. Scarpa hat der hiesigen Volksbank eine prächtige Zentrale errichtet – nein, er hat ein Bauwerk zelebriert, eine Fassade mit vorspringenden Fenstern wie aus der Wand wachsende Aquarien, die von detailreichen Dekoren optisch gestützt werden. Das Innere zeugt von einer Gestaltungskraft und -lust, die selbst einen profanen Lichtschalter auf einer frei stehenden Säule zur Skulptur macht.

Etwas wuseliger wird es, wenn man sich für Edeltrödel und Industrie-Chic interessiert, was die Galerie „Pescetta“ in einem historischen Gewölbe präsentiert – oder für italienische Designklassiker der Moderne, zum Beispiel für Leuchten von Gio Ponti und Sessel von Marco Zanuso, die in der „Galleria Graffit"  von Signora Vanna Andretta zu finden sind. Beide Läden liegen dicht bei der Piazza Erbe, aber drinnen vergisst man den Trubel. Touristen interessieren sich in der Regel eher für die umliegenden Antiquitätenläden und Trattorias.

Ein gutes Restaurant zu finden ist in Italien meist eine der leichtesten Übungen. So auch in Verona (allerdings nur, wenn man den Platz der Arena meidet). Hin- und hergerissen ist man dann zwischen der „Confusion Lounge“, einem mittelmäßigen Wortspiel für die Fusion aus italienischer und japanischer Küche, die Dreisternekoch Italo Bassi am Etsch-Ufer zelebriert, und einem ausgiebigen Abendmahl in der San Matteo Church. Der Speisesaal in dem ehemaligen Gotteshaus beweist eindrucksvoll, dass sich der gute Geschmack der Italiener generell in Bars und Restaurants voll und ganz auf Speisen und Geträn- ke konzentriert – und nicht vorrangig auf die Ausstattung und Beleuchtung. Ansonsten kann man auch die besten Weine der Region im ewigen Klassiker „Bottega del Vino“ genießen.

Wer sich mit einer Prise Kunst ins Reich der Träume verabschieden möchte, sollte im Hotel Trieste absteigen. Das hat zwar nur zwei Sterne, dafür zeigt es wechselnde Ausstellungen, oft von Veroneser Künstlern wie zum Beispiel von Roberto Bravi mit seinen Blechbildern und bunten Robotern, die die Gäste willkommen heißen. Verona kann halt nicht nur Oper ...

 

Schlagworte:
Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Thomas Elmenhorst