Piccolo Pompidou Firmenzentrale von B&B Italia

Jubiläum für einen Wegbereiter: Vor 40 Jahren ließ sich B&B Italia von Renzo Piano und Richard Rogers eine neue Firmenzentrale in der Lombardei bauen. Kurz bevor beide in Paris ganz groß herauskamen.
Firmenzentrale B&B Italia

Zeichnung der Firmenzentrale von B&B Italia

Rot und gelb leuchten in Novedrate die Versorgungsleitungen. Gut vier Jahre später werden ebensolche Schächte das Merkmal des Pariser Centre Pompidou. Die Gitterstruktur aus stählernen Rohren trägt den eingeschobenen Bürotrakt.

Novedrate, die 3000-Seelen-Gemeinde zwischen Mailand und Como, war Paris um Jahre voraus. An der Seine hatten Renzo Piano und Richard Rogers 1971 den Wettbewerb für das Centre Pompidou gewonnen, mit dem sie die Architektur umkrempeln sollten. In Novedrate haben sie geprobt. Piero Ambrogio Busnelli (1926 bis 2014), Pionier für industriell gefertigtes Möbeldesign, der fünf Jahre zuvor B&B Italia gegründet hatte, fand die Pariser Entwürfe „crazy“ – und da er selbst ein bisschen crazy war, engagierte er den 34-jährigen Piano, der gerade mit Rogers ein Büro in Paris gegründet hatte, für seine neue Firmenzentrale. 1971 bis 73 wurde gebaut, 40 Jahre alt ist sie heute. Und wirkt dabei jung, leicht, locker, irgendwie vorläufig – wie die Bühne für ein Open-Air-Konzert.

Das prägende Element ist eine offene Gitterstruktur aus waagerechten, senkrechten und diagonalen Stahlrohren. Sie rahmt und trägt den eingeschobenen Bürotrakt, das darüber schwebende Dach und die Gangway, die ins Haus führt. Der Baukörper ist eine flache Vitrine mit (teils opaken) gläsernen Wänden und umlaufender Loggia. Nichts ist hier massiv, verschlossen, statisch oder schwer. Die frühen Siebziger waren eine Zeit des Umbruchs, nicht nur politisch. Architekten wollten Gebäude und Räume von allen Konventionen befreien. Renzo Piano gelang das beispielhaft: Er öffnete den Innenraum der B&B-Zentrale zu einem nach außen weiten, freien Kontinuum und brachte alle Technik im freien Raum unter dem Dach unter. Die Versorgungsschächte draußen verstecken sich nicht, sondern leuchten frechfröhlich in Knallrot und Quietschgelb.

Also alles wie beim 1977 vollendeten Centre Pompidou mit seinem sichtbaren Tragwerk, seinen nach außen verlegten bunten Haustechnik-Röhren, Lifts und Rolltreppen. Zunächst heftig angefeindet, wurde es zu einem Publikumsliebling. Piano (Pritzker-Preis 1998) und Rogers (Pritzker-Preis 2007) gehören längst zum Architekten-Adel. Und B&B Italia, heute von Busnellis Söhnen geführt, feiert den 40 Jahre alten Hightechbau auf der Firmenwebsite als „die Herausforderung, die Beaubourg vorwegnahm“ – ein schöner Beleg für die Weitsicht des verehrten Gründers.

Schlagworte:
Autor:
Heiner Scharfenorth