Poesie in Beton Ein Friedhof als Gesamtkunstwerk

Die Witwe von Giuseppe Brion, dem Gründer der Kult-Elektronikfirma Brionvega, beauftragte den venezianischen Stararchitekten Carlo Scarpa, eine Gruft für ihren verstorbenen Gatten zu entwerfen. Daraus wurde ein umfangreiches Ensemble mystischer Bauwerke - und eine Pilgerstätte für Architekturfans.

Auf den ersten Eindruck ein Friedhof, wie es ihn abertausendfach in Italien gibt: Das rechtwinklige Gräberfeld ist umschlossen von hohen weißen Mauern, drinnen sind die Gräber üppig geschmückt mit Sträußen meist gelber, weißer und roter Blumen. Wäre da nicht diese Friedhofserweiterung, die sich L-förmig im Norden und Osten an den alten Gemeindefriedhof schmiegt, umgeben von dramatisch nach innen gekippten Betonmauern – wie ein Verteidigungswall.

Dieses 2000 Quadratmeter große Stück Land hatte die Familie Brion 1969 für ihre letzte Ruhestätten erworben – ein Jahr nach dem Tod des Patriarchen. Scarpa, zu der Zeit bereits beauftragt, die Familiengruft zu gestalten, konnte sich von seinem ursprünglichen Plan verabschieden, verschiedene Gräber für die einzelnen Familienmitglieder auf dem alten Cimitero anzulegen. Jetzt hatte er den Platz für einen Masterplan, für ein Gesamtkunstwerk. Und den nutzte er.

Ein Jahr später waren die Pläne fertig. Dass es dann noch acht Jahre dauerte, bis die monumentale Gruft 1978 vollendet werden konnte, liegt vor allem am Detailreichtum des Architekten und seiner Ideen. Bis in den letzten Winkel, bis zur Tür des Geräteschuppens, sogar noch unter Wasser arbeitete er architektonische Kabinettstückchen aus, was den örtlichen Handwerkern einige Mühen abverlangte.

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach