Poesie in Beton Pilgerstätte für Architekturfans

Die Witwe von Giuseppe Brion, dem Gründer der Kult-Elektronikfirma Brionvega, beauftragte den venezianischen Stararchitekten Carlo Scarpa, eine Gruft für ihren verstorbenen Gatten zu entwerfen. Daraus wurde ein umfangreiches Ensemble mystischer Bauwerke - und eine Pilgerstätte für Architekturfans.

So hat Scarpa in der tiefsten Provinz eine Familiengruft erschaffen, die heute vor allem eine Pilgerstätte für Architekturenthusiasten ist. Am Nachmittag wird der friedliche Ort denn auch plötzlich bevölkert von einer Gruppe junger Leute, die sich nach einem andächtigen und ehrfurchtsvollen Rundgang auf den Mauern niederlassen und schweigend ihre Stifte und Zeichenblöcke hervorholen. Architekturstudenten und Kunstschüler finden hier ein schier unerschöpfliches Reservoir an formal inspirierenden Motiven.

Der Eingang in die Familiengruft führt nicht durch das massive Schiebetor neben dem Bassin mit den dicken Fischen, in dem die Kapelle um 45 Grad gedreht auf ebenfalls quadratischem Grundriss steht. Offiziell betritt man das Architekturensemble vom alten Friedhof aus durch ein Tor, das sich hinter sich verneigenden Nadelbäumen versteckt. Ein schmaler Gang führt nach links zu den Grabstätten und nach rechts zu einem weiteren nicht zugänglichen Seerosenteich mit einem darin aufgestelzten Holzpavillon. Der sollte als Baldachin dienen, unter dem sich die Seelen der Verstorbenen zum Meditieren versammeln können.

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach