Poesie in Beton Raum für Interpretation

Die Witwe von Giuseppe Brion, dem Gründer der Kult-Elektronikfirma Brionvega, beauftragte den venezianischen Stararchitekten Carlo Scarpa, eine Gruft für ihren verstorbenen Gatten zu entwerfen. Daraus wurde ein umfangreiches Ensemble mystischer Bauwerke - und eine Pilgerstätte für Architekturfans.

Gegenüber dem Eingangstor sind zwei riesige Kreise aus der Betonwand herausgeschnitten, zwei sich überschneidende Ringe, einer mit roten, einer mit blauen glitzernden Steinen an den Rändern verziert. Scarpa bietet mit dieser großen und offenen Geste Raum für zahlreiche Interpretationen: Stellen die Kreise Eheringe, die Verbundenheit des Ehepaares Brion dar? Sollen es die Augen der beiden Liebenden sein, die dadurch auf die Erde und den Himmel blicken? Oder symbolisieren sie Himmel und Erde selbst, und die Schnittmenge stellt die geistige Welt dar, die sich dazwischen befindet?

Carlo Scarpa hat sich nicht in seiner Heimatstadt Venedig begraben lassen. Er wurde nach seinem Tod im japanischen Sendai 1978 ebenfalls hier in San Vito d’Altivole bestattet. Natürlich nicht in der Familiengruft der Brions, sondern auf dem alten Cimitero. Aber doch an einer exponierten Stelle: Sein Grab, in dem er aufrecht beerdigt wurde, befindet sich genau im Winkel der L-förmigen Erweiterung – mit seinem Meisterwerk im Blick und gleichzeitig von ihm umarmt.

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Schlagworte:
Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach