Crespi d’Adda Eine ideale Stadt?

Die Familienresidenz
Die Familienresidenz
Gleich am Ortseingang, ein wenig zurückgesetzt von der Hauptstraße, steht die Residenz der Fabrikantenfamilie, die nicht zufällig an eine mächtige Burg erinnert. Zinnen auf den Dächern, die nur dekorative Zwecke haben, und ein mächtiger Turm dominieren die Erscheinung des Bauwerks, dessen Architekt Ernesto Pirovano bis 1894 eine phantastische Ansammlung von architektonischen Zitaten zu einem monumentalen Bauwerk formte. Der Turm allerdings ist nicht nur Dekoration. Von hier oben kann der Fabrikant das gesamte Fabrikgelände und die Ortschaft überschauen. Und Silvio Crespi nutzt diese Möglichkeit.

Seine besondere Sorge und Fürsorge gilt den Töchtern und Söhnen seiner Arbeiter, genauer gesagt: deren Ausbildung. Denn die können gleich zur nächsten treuen Generation von Arbeitern herangezogen werden. Natürlich ist die Schulbildung frei, Silvio Crespi bezahlt die Lehrer samt deren Unterbringung, die Schulbücher und Unterrichtsmaterial wie Hefte, Stifte, Kreide und Tafeln.

Dafür bestimmt er auch die Inhalte des Unterrichts. Von früh morgens bis in den späten Nachmittag sind die Kinder in der Schule, was praktischerweise der Arbeitszeit in der Fabrik entspricht. Außer Lesen, Schreiben und Rechnen steht selbstverständlich auch das Fach „Baumwollverarbeitung“ auf dem Stundenplan. Selbst die Lage des Schulgebäudes ist kein Zufall. Die Stufen vor der Schule führen hinab direkt zum Tor der Fabrik auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Klarer lässt sich der Zweck dieser Einrichtung kaum verdeutlichen.

Die Aufteilung des Ortes ist so simpel wie funktional. Rechts der schnurgeraden Hauptstraße, die das Ensemble ziemlich exakt als Längsachse in der Mitte teilt, erstreckt sich bis zum Ufer eines parallel zum Fluss angelegten Industriekanals das raumgreifende Fabrikgelände mit seinen Maschinenräumen, Kraftwerken und zahlreichen Werkstätten für die Spinnereien, Webereien und Färbereien. Direkt davor die Fabrikanten-Residenz. Alle Gebäudeteile der Fabrik sind mit neogotischen Elementen und allgegenwärtig dem islamischen achteckigen Stern verziert, der die Verbundenheit des Fabrikanten mit dem Orient symbolisiert. Sie geben mit ihren einheitlich in Ocker verputzten Wänden und roten Backsteinornamenten und Tür- und Fensterrahmen ein harmonisches und eher unindustrielles Bild ab.

Links der Straße verteilt sich auf einer fast gleich großen Fläche als Pendant zur Arbeitswelt der Wohn- und Lebensbereich der Mitarbeiter. In übersichtlichen Schachbrettmustern sind die zweigeschossigen abwechselnd grün, weiß und rot verputzten Häuser für jeweils zwei Arbeiterfamilien angelegt. Sie stehen frei, jedes hat einen kleinen Vorgarten und hinten einen Schuppen, Klo mit Wasserspülung und einen Gemüsegarten. Auch der ist wichtig für das Konzept. Die Arbeiter sollen sich im Garten in Schwung halten, jährlich wird das gepflegteste Grün prämiert.

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach