Weltkulturerbe der Unesco Sinnbilder von Crespi d’Adda

Kirche in Crespi d’Adda
Kirche in Crespi d’Adda
Die Kirche im Dorf ist ein schönes Exemplar der italienischen Renaissance. Aber nur auf den ersten Blick. Tatsächlich ist sie eine exakte Kopie der Kirche aus der Heimat der Crespis. Das Original steht in Busto Arsizio. Ein sentimentaler Anflug des Unternehmers. Mit ihrer Position am Ortseingang auf Höhe der Fabrikantenvilla werden die Autoritäten in Crespi d’Adda symbolisiert.

Nicht weniger sinnbildlich ist der Friedhof der Siedlung angelegt. Er liegt am Ende der Hauptstraße, die als Sackgasse schnurgerade auf ihn zuführt. Die Anordnung der Gräber spiegelt weitgehend die Aufteilung der Lebensräume in Crespi wider. In Reih und Glied angeordnete Ruhestätten der Arbeiter mit einheitlichen Grabsteinen, an den Mauern des Friedhofs sind Facharbeiter und Fabrikleiter beerdigt. Alles ist ausgerichtet auf das Mausoleum der Crespis, das dem Architekten Gaetano Moretti ein wenig extravagant-exotisch geraten ist.

Heute leben in dieser halb verlassenen Geisterstadt noch etwa 450 Menschen, ehemalige Arbeiter, die ihre Wohnungen gekauft haben. Auf den Straßen sieht man tagsüber nur Reisegruppen. Die Bewohner haben sich Arbeit in den Nachbarorten suchen müssen.

Die Chancen, dass sich das Schicksal von Crespi d’Adda zum Positiven wendet, stehen schlecht. Dass dieser einzigartige Ort seit 1995 von der Unesco als Weltkulturerbe gelistet wird, macht die Sache nicht einfacher. Zwar gibt es hin und wieder interessierte Investoren, aber die wollen auf dem Fabrikgelände Hotels mit Wellness-Einrichtungen etablieren. Die Auflagen der Unesco aber sind eindeutig: Entweder wird hier wieder eine Fabrik aufgebaut (was unrealistisch ist) oder das Gelände wird für kulturelle und forschende Institutionen zur Verfügung gestellt. Das schmälert mögliche Renditen privater Gesellschaften. Es bedürfte dann eher schon eines handlungsfähigen und entschlossenen italienischen Staates, der sich die Rettung von Crespi d’Adda zur Aufgabe macht.

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach