Leichtes Gewicht: Der Beton und die Casa Masetti in São Paolo

Beton polarisiert. Das war 1970 so und gilt bis heute. Die Casa Masetti hat Paulo Mendes da Rocha vor 50 Jahren für einen Ingenieur gebaut. Nun wurde die Ikone in São Paulo vom neuen Eigentümer sensibel saniert.

Houssein Jarouche friert etwas. Der Pool in seinem geliebten Wochenendhaus musste längst abgedeckt werden, die Terrasse ist eines Nachts sogar von Schnee überzogen. Der brasilianische Winter ist in diesem Jahr kälter als zuvor. 

Normalerweise liegen die Temperaturen in der subtropischen Klimazone rund um São Paulo konstant bei 20 Grad. Dann verbringt Jarouche (Möbel- händler, Gründer von MiCasa, Galeria Jarouche, DJ), die Wochenenden mit seiner Familie in der Casa Masetti: Er genießt den Swimmingpool, die langen Samstage mit Freunden auf der Terrasse, mixt Musik in seinem Tonstudio, das er sich im Erdgeschoss eingerichtet hat. Wer ihn besuchen will, muss die Augen offen halten. Das Wohnhaus wird oft übersehen, es verschwindet fast in seiner Umgebung. 

Paulo Mendes da Rocha hat es auf einem spitzwinkeligen Grundstück in den Hang gebaut, dort, wo die Straße eine Kurve formt. Dunkelgrün klettert der Efeu die Betonwände hinauf, exotische Büsche wachen still vor der Einfahrt, riesige Palmen säumen das Areal. Sie sind mehr als doppelt so hoch gewachsen wie der zweigeschossige Riegel. Der nach außen verschlossene Kubus scheint sich in den Hügel zu graben und blickt von hier auf die Hochhäuser São Paulos.

Er hatte Jahre gewartet. Die Bauten des brasilianischen Architekten Paulo Mendes da Rocha begeisterten Houssein Jarouche schon lange, und der Traum, in einem seiner Häuser zu leben, sollte eines Tages in Erfüllung gehen. Der Galerist Eduardo Leme gab seinem alten Freund sofort Bescheid, als die Casa Masetti zum Verkauf stand.

Leme arbeitet und wohnt selbst in einem einzigartigen Beton-Ensemble von Paulo Mendes da Rocha, das dieser 2004 zusammen mit dem jungen Architektentrio Anna Ferrari, Gustavo Cedroni und Martin Corullon von Metro Arquitetos gebaut hatte – er schätzt die modernistische Architektursprache.

Die Casa Masetti war 1969/70 ein radikaler Entwurf und absolute Avantgarde. Heute ist es eine Ikone brasilianischer Architektur, gilt als Meisterwerk des Brutalismus, eine zeitlose tropische Moderne. Houssein Jarouche wird ihr neuer Eigentümer.

São Paulo, 1969. Als das Studio von Paulo Mendes da Rocha das Wohnhaus für den Kollegen Mário Masetti fertigstellt, steht Brasilien schon fünf Jahre unter Militärdiktatur. Der 41-jährige Architekt bekommt 1969 ein Lehrverbot, dem bereits ein Berufsverbot, öffentliche Gebäude zu entwerfen, vorausgegangen war. Weshalb Mendes da Rocha in den Jahren von 1964 bis 1985 eine Reihe von Wohnhäusern entwickelt, mit denen er Konventionen infrage stellt. 

Auch die Casa Masetti ist in vielerlei Hinsicht die gebaute Anfechtung davon, was ein bürgerliches Wohnhaus sein sollte – allein schon, weil sich die Rückseite unter der Wohnetage befindet. Vier Betonsäulen heben den Riegel empor, sodass sich darunter eine offene Erdgeschosszone bildet. Dieser schattige Bereich kann als Parkplatz und als Tanzfläche genutzt werden. Eine geschwungene Treppe gleicht die Monumentalität aus, die Fensterbänder bringen eine elegante Leichtigkeit in den Betonkoloss.

Zurück zum Originalzustand

Garten, Pool, Beton und Boden: Alles war komplett verwahrlost, als Houssein Jarouche 2006 das Haus kauft. Nach dem Tod seines Vaters wohnte hier erst der Sohn mit seiner Familie 15 Jahre, nach der Scheidung blieb dessen Ex-Frau in der Casa Masetti. "Sie war offensichtlich kein Fan von der Architektur", erzählt Jarouche. "Das Gebäude war in einem katastrophalen Zustand."

Houssein Jarouche will das gesamte Gebäude zurück in den Originalzustand von 1970 bringen. Wieder hilft sein Freund Eduardo Leme und schlägt für die Renovierung den besten Architekten vor, den man mit dieser Aufgabe beauftragen kann: Paulo Mendes da Rocha. Der wurde soeben mit dem internationalen Pritzker-Preis geehrt und trifft den neuen Eigentümer am Ort des Geschehens. "Er war schockiert", erinnert sich Jarouche. "Und so glücklich, als er alle originalen Zeichnungen aus den Sechzigern wiedergefunden hatte."

Die Holzschiebetüren, die von der Vorbesitzerin durch völlig unpassende Aluminium-Elemente ersetzt wurden, konnten rekonstruiert, der Beton ausgebessert werden. Eduardo Colonelli, ein langjähriger Mitarbeiter von Mendes da Rocha, betreut die Sanierung. Architekt und Eigentümer entwickeln mit dem Projekt eine Freundschaft. "Paulo rief mich oft an, wenn ihn Studierende oder Architektengruppen fragten, ob sie das Haus ansehen könnten", erinnert sich Houssein Jarouche. "Ich liebe es, wenn Besucher kommen. Das Haus soll für jeden offen stehen." 

Am 23. Mai 2021 ist Paulo Mendes da Rocha im Alter von 92 Jahren verstorben.