Die modernsten Konzepte im ökologischen Bauen Paris & London

Der Trend in der Baubranche heißt Nachhaltigkeit. Kaum ein Architekt, Konzernlenker oder Bürgermeister bringt mehr ein Projekt ohne Öko-Konzept auf die Schiene.

Welchen Stellenwert nach solchen Analysen die Pariser Bürostadt La Défense einnehmen würde, ist offen. Sicher aber ist, dass die Nachhaltigkeitswelle auch dort angekommen ist. Gleich neben der bisher dominierenden Grande Arche (110 Meter) wird ein wulstig verdrehter Öko-Turm von fast dreifacher Höhe errichtet. Das Le Phare (Leuchtturm) genannte Hochhaus des Architekten Thom Mayne (Morphosis) soll sechs Monate im Jahr ohne externe Energiezufuhr auskommen unter anderem durch eine doppelte Fassade auf der Südseite (Kühlung und Ventilation) und großzügige Belichtung auf der Nordseite. Energie zu sparen helfen auch Fahrstühle, die nur in jedem dritten Stockwerk halten. Damit auch jeder sieht, wie viel Öko- Bewusstsein hier verbaut wurde, wird auf dem Dach, in dreihundert Meter Höhe, ein Mini-Windpark installiert. Was für Paris richtig ist, kann für London nicht falsch sein. Dort wird die ohnehin schon riesige Battersea Power Station zu einer nachhaltigen Business-Immobilie erweitert. Die vorab veröffentlichten Bilder zeigen ein Hochhaus von 300 Meter Höhe neben dem historischen Kraftwerk und üppiges Grün unter einem plastiküberspannten Öko-Dom. Der Energieverbrauch des Megakomplexes – geplant sind 750 000 Quadratmeter an Wohnungen, Büro- und Ladenflächen – soll 67 Prozent unter dem konventioneller Anlagen liegen, unter anderem auch deshalb, weil ein interner Schlot im Hochhaus die verbrauchte Luft nach oben saugen soll. Die Größe dieser Projekte weist zugleich auf einen Aspekt hin, der wegen seiner Offensichtlichkeit gerne übersehen wird: das schiere Materialvolumen. Pro Quadratmeter gebauter Fläche muss man heute mit 1200 Kilogramm an Material rechnen.

Wollten etwa die Chinesen pro Person ähnlich viel Wohnraum beanspruchen wie die Deutschen und so massiv bauen, müssten dort in den nächsten Jahren 50 Milliarden Quadratmeter an neuem Wohnraum entstehen. Dafür würden, so hat es Werner Sobek, Architekt und Ingenieur und Pionier energieeffizienten Bauens, ausgerechnet, 60 Milliarden Tonnen an Material benötigt. Nur für Wohnungen. Nur in China. Eine große Schwierigkeit im Bereich des nachhaltigen Bauens ist die Vergleichbarkeit. Was soll der gemeinsame Maßstab für eine Schule in Holzbauweise und ein Bürohochhaus aus Beton? Wie soll man die Verwendung von Aluminium hier und Tropenholz dort mit Solarzellen, wasserfreien Urinalen, Flächenverbrauch pro Arbeitsplatz, doppelter Fassade oder Windrädern auf dem Dach verrechnen? Dies zu systematisieren hat sich die Deutsche Gesellschaft für nachhaltiges Bauen zur Aufgabe gemacht. Sie vergibt in Anlehnung an das amerikanische LEED-System nun auch in Deutschland ein Öko-Siegel für Gebäude. Damit können Bauherren die Nachhaltigkeit ihrer Immobilie nicht nur behaupten, sondern dokumentieren. Doch für viele ist auch dieses wieder nur ein Schritt auf einer langen Reise. „Was wir in der Architektur als Hightech bezeichnen, ist im Bereich des Maschinenbaus schon seit Jahrzehnten Usus“, hat Werner Sobek beobachtet. Er prophezeit Gebäude, die komplett digitalisiert sind und deren Betrieb individuell gesteuert werden kann. Und Christoph Ingenhoven hofft, „dass es keine Abhängigkeit mehr vom Erdöl gibt und zwar schon früher als in hundert Jahren“. Und prophezeit: „Wir werden uns noch wundern, wie weit wir uns dabei von unseren stilistischen Fragen wegbewegen.“    

Autor:
Christian Tröster