Ein fabelhafter Stilmix und orgiastisches Gesamtkunstwerk Torbogen

Abseits der Trampelpfade bildungshungriger Touristen versteckt Rom ein architektonisches Kleinod, das man in der Stadt der Antike und des Barock nicht vermuten würde: das „Quartiere Coppedè“ – fabelhafter Stilmix und orgiastisches Gesamtkunstwerk des Baumeisters, nach dem das Viertel benannt wurde.
Torbogen

Die beiden betürmten Palazzi sind verbunden mit einem voluminösen, überschwänglich verzierten Torbogen, mit zwei Stockwerken für Wohnungen darüber. Hinter dem Tor versteckt sich das Viertel, das bekannt ist als das „Quartiere Coppedè“. Aber eigentlich ist es weitgehend unbekannt. Kulturbeflissene Studienräte jedenfalls verirren sich mit ihren Schülern nicht hierher. Und auch Touristen äußerst selten. Höchstens drei-, viermal am Tag sieht man hier kleine Grüppchen, die sich durch das Studium von Stadtplänen und Reiseführern, vor allem aber durch neugierige Blicke als nicht ins Viertel gehörig entlarven. Erstaunlich genug, dass sich überhaupt Reiseführer mit dem Quartiere Coppedè beschäftigen. Trotz euphorischer Kritiken zur Bauzeit ist das Viertel vielen Römern suspekt. Das mit Elementen des italienischen Jugendstils und antikisierenden Zitaten überladene Stilkonglomerat des Quartiere Coppedè gilt als architektonischer Sündenfall, den man besser stillschweigend umgehen sollte.

Der Baustil passt nicht ins gängige Rom-Bild. Die Ewige Stadt steht für Antike, für Barock, sie ist klassisch, edel, erhaben. Basta. Aber es wäre schade, wenn Kapriziosen wie die Fontana delle Rane, der Froschbrunnen auf der Piazza Mincio, unbeachtet blieben. Ein Fiat Uno umkurvt den Brunnen, hält kurz, vier Schüler klettern raus und schleppen sich lustlos die letzten Meter zur zwei Blocks entfernten Liceo Scientifico Statale, dem naturwissenschaftlichen Gymnasium. Mittags werden einige von ihnen hierher zurückkommen, und auf der marmornen Umrandung um Sitzplätze drängeln. Das müssen die beliebtesten Plätze im Viertel sein, so blank gesessen ist der Rand des Beckens. Acht propere Damen spucken in das große runde Bassin, dicke graue Frösche füllen die vier ovalen, reich verzierten künstlichen Teiche vor sich mit Wasser. Von dort laufen kleine Rinnsale in eine Vielzahl weiterer Becken. Wie dicker Zuckerguss haben sich im Laufe der Jahre die Kalkablagerungen des ewigen Wasserlaufs über die speienden Damen und Frösche gelegt.

Schlagworte:
Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Robert Fischer