Ein fabelhafter Stilmix und orgiastisches Gesamtkunstwerk Bar „Coppedè“

Abseits der Trampelpfade bildungshungriger Touristen versteckt Rom ein architektonisches Kleinod, das man in der Stadt der Antike und des Barock nicht vermuten würde: das „Quartiere Coppedè“ – fabelhafter Stilmix und orgiastisches Gesamtkunstwerk des Baumeisters, nach dem das Viertel benannt wurde.
Bar „Coppedè“

Die kleine, durch zahlreiche gelbe, blaue und weiße Neonröhren nicht unbedingt gemütliche Bar „Coppedè“ auf der Via Tagliamento ist der Treffpunkt im Viertel. Zu Spitzenzeiten morgens und mittags drängeln sich Durstige und Hungrige in Dreierreihen vor dem Tresen, um sich für die erste und später zweite Hälfte des Tages zu stärken oder zu ermuntern. Im strengen Sinne gehört die Bar nicht zum gleichnamigen Quartiere. Darin wäre für sie auch kein Platz. Nicht etwa, weil sie wegen ihrer grellen Neonbeleuchtung dort vielleicht als unpassend empfunden würde: Coppedè hat gar keine Möglichkeit vorgesehen, hier eine Bar zu betreiben. Keine Bar, kein Tabacchi, keine Trattoria. Die Villen verstecken sich hinter hohen Hecken, Zäunen und Vorgärten, die Palazzi sind bis zu den Fenstern im Hochparterre und ersten Stock mit mächtigen Steinquadern verkleidet. Keine Chance für Schaufenster oder gastronomische Einrichtungen. Hier kann man nur wohnen.

Oder in einem der Büros arbeiten. Aber für Unterhaltung hat der Architekt gesorgt. Das Motto seines Werks: Viel hilft viel! Er ist natürlich beeinflusst durch den gerade modernen Jugendstil, der in Italien „Liberty“ heißt, aber seine Phantasie geht weit über dessen übliche dekorativ geschwungenen Linien und floralen Elemente hinaus. Überschäumender Eklektizismus würde sein Schaffen vielleicht am treffensten charakterisieren. Sein Rezept: Man errichte ein paar reichlich dimensionierte Palazzi, spare nicht an dekorativen Bauelementen wie Türmchen, offenen Treppenaufgängen, Galerien und Balkonen, würze es mit kurvigen Girlanden und einer Prise gotischer und islamischer Einflüsse, gebe einen Spritzer Art déco dazu und schmecke das Ganze ab mit ein paar pausbäckigen Putten. So in etwa muss das Villino delle Fate entstanden sein, wörtlich übersetzt „Feenhäuschen“, was zuviel des Understatements ist: Es handelt sich dabei eher um ein zusammengewachsenes Bauwerkensemble als einen eigenständigen Palazzo. Die Feenvilla nordöstlich des Brunnens ist das auffälligste Gebäude des Quartiere. Vollendet 1924 steht stolz in Versalien auf der Fassade.

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Robert Fischer