Ein fabelhafter Stilmix und orgiastisches Gesamtkunstwerk Feenvilla

Abseits der Trampelpfade bildungshungriger Touristen versteckt Rom ein architektonisches Kleinod, das man in der Stadt der Antike und des Barock nicht vermuten würde: das „Quartiere Coppedè“ – fabelhafter Stilmix und orgiastisches Gesamtkunstwerk des Baumeisters, nach dem das Viertel benannt wurde.
Feenvilla

Die Feenvilla ist so etwas wie der Höhepunkt seines Schaffens. Sie vereint, was den Stilo Coppedè ausmacht. Es ist die bizarre Architektursprache, die dem Ungestüm und dem kraftvollen Klang seines toskanischen Dialekts des ungewöhnlichen und äußerst eigenständigen Architekten entspricht: Die Villino delle Fate ist ein phantastisches, ein übertriebenes, ein symbolisierendes, ein hysterisches, ein heiteres Bauwerk. Gegenüber der Feenvilla vor dem Palazzo del Ragno, dem Spinnenpalast, der seinen Namen einem riesigen Achtbeiner auf güldenem Netz über dem Eingang verdankt, haben Laub und Straßendreck meist nur wenige Minuten Liegezeit. Kratzende Geräusche künden herannahende Besen an, mit denen Bedienstete im Quartiere für geradezu unrömische Sauberkeit sorgen.

Hinter der Feenvilla, an deren Rückwand eine hübsche Sonnenuhr ihren Schatten kreisen lässt, führt von der Via Brenta ein kleiner Privatweg ab. Schräg gegenüber der Feenvilla hat es sich die Polnische Botschaft in einem idyllischen Palazzo bequem gemacht. Am Kopfende der kleinen Sackgasse versteckt sich auf einem Balkon in der ersten Etage die grazile Statue einer jungen Dame. Sie scheint sich ein wenig zu zieren, jedenfalls dreht sie dem Betrachter den Rücken zu. Vielleicht aber auch nur, um sich an ihrem Antlitz zu erfreuen, das sich in der Fensterscheibe der Balkontür spiegelt. Die innige Selbstbetrachtung gab der Statue dello specchio, der Spiegelstatue auch ihren Namen. Rund um den Froschbrunnen kehrt langsam Ruhe ein. Die Büroangestellten fahren nach Hause, und die meisten der nach wie vor gut situierten Bewohner des Viertel sitzen schon entspannt bei Pasta und Vino. Immer häufiger verschafft sich das Plätschern des Brunnens in den länger werden Pausen zwischen vorbeiknatternden Motorini und quietschenden Bremsen Gehör. In der Abenddämmerung entwickelt die Feenvilla den Reiz eines verwunschenen Märchenschlosses. Es würde nicht wundern, wenn plötzlich Elfen und Zwerge aus der Tür träten und im Garten unter Palmen und Birken tanzten. Die Nacht senkt sich langsam über das Quartiere. Jetzt gehört es ganz allein den unzähligen Fabelwesen. Wer weiß, was Gestalten und Getier im Schutz der Dunkelheit hier veranstalten. Morgen in der Zeitung steht es jedenfalls nicht.

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Schlagworte:
Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Robert Fischer