Der Einfluss von Kulturbauten auf Stadtentwicklung Das Gegenmodell zu Großbauten

Kunsthaus in Graz

Das Kunsthaus in Graz, 2003 von Peter Cook fertiggestellt, stellt einen bewussten Bruch in der historischen Altstadt her.

A&W: Großen Prestige-Projekten stellen Sie lokale Interventionen gegenüber. Also kleinere Initiativen, die von unten kommen. Ist das ein zeitgemäßeres Modell als pompöse Großbauten? M. S.: Es ist zumindest ein Gegenmodell. Für die sogenannte Weltausstellung auf dem ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof wurden temporär 15 Pavillons für Kunst und Performances errichtet. Uns interessiert eine Kultur des gemeinsamen Erlebens und die Veränderung des öffentlichen Raumes durch das Internet. Das Öffentliche ist zunehmend bedroht. In kulturellen Institutionen aber kann ohne kommerziellen Druck ein Austausch zustande kommen.

A&W: Können Sie ein Beispiel nennen? M. S.: Ein ganzes Kapitel haben wir den neuen Bibliotheken gewidmet, oft spektakuläre Bauten wie die Seattle Central Library von Rem Koolhaas/OMA. Da kann man natürlich Bücher und Medien ausleihen, aber wie in einigen anderen Städten auch ist die Bibliothek hier zum attraktiven Anlaufpunkt geworden, eine Mischung aus Szenetreff und ausgelagertem Wohnzimmer. Aber auch Bauwerke wie das Pariser Centre Pompidou funktionieren immer noch sehr eindrucksvoll – selbst wenn dort heute die untere Etage lange nicht mehr so frei zugänglich ist wie zur Eröffnung.

A&W: Wäre es nicht auch möglich, die Kultur zu den Menschen zu bringen statt umgekehrt? M. S.: Dafür steht das Centre Pompidou Mobile von Patrick Bouchain. Die Architektur wird beweglich, das Museum wandert auf die Dörfer. Da hängen dann die Originale aus Paris. Das berührt die Menschen und ist ein Riesenerfolg.

A&W: Ist das ein Trend der Zeit, dass es eher darum geht, Menschen zusammenzuführen, als glamouröse Tempel der Hochkultur zu errichten? M. S.: Das muss kein Gegensatz sein. Man kann mit exzeptioneller Architektur in der Stadt Räume definieren, die gut angenommen werden. Aktuell leistet das Metropol Parasol von Jürgen Mayer H. in Sevilla so etwas. Das sind futuristische Holzschirme. Ein mutiges Projekt mitten in einer historischen Stadtstruktur. Das passt auf den ersten Blick überhaupt nicht zusammen und ist entsprechend umstritten. Aber es hat einen Kristallisationspunkt für die Öffentlichkeit geschaffen. Ein Erfolg der Architektur.

A&W: Ist die Zeit der großen Ikonen, des Bilbao-Effektes, endgültig vorbei? M. S.: Es ist der heutigen Zeit geschuldet, dass das Geld nicht mehr da ist für große Investitionen. Ich nehme also an, dass bescheidenere Ansätze in den nächsten Jahren eine größere Rolle spielen werden. Großartige Kulturbauten, die die Menschen zusammenbringen, wird es weiterhin geben. Das hat für Städte eine überlebenswichtige Qualität.

Kultur:Stadt, Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin, 15. März bis 26. Mai 2013
 

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Autor:
Christian Tröster