Museums-Neubau Architektur als Teil der Landschaft

Im hohen Norden Frankreichs gibt es jetzt einen Ableger des berühmten Pariser Museums zu bestaunen. In einem Neubau, den das japanische Pritzker-Preis-Duo SANAA entworfen hat – und in dem alles anders ist als im Mutterhaus in Paris.

Die zwei von SANAA, Kazuyo Sejima, 56, und ihr zehn Jahre jüngerer Partner Ryue Nishizawa, die 2010 mit dem Pritzker-Preis geehrt wurden (A&W 4/10), sind Minimalisten, die ihre Bauten aufs Unverzichtbare reduzieren und so unstofflich wie möglich erscheinen lassen. Der Gewinn für ihren 28 000 Quadratmeter großen (sogar ein bisschen mehr Grundfläche als in Bilbao), 360 Meter langen Bau aus Stahl, Glas und Alu ist Offenheit und Transparenz. Die lockt und fasziniert schon beim Eintreten: Die Empfangshalle, konzipiert als öffentlicher Platz, und, höher als die anderen Hallen, „als Teil der Landschaft“ von überall sichtbar, besteht rundherum aus Glas. Drinnen flanieren die Besucher zwischen runden oder elliptischen Pavillons – das Büro SANAA nennt sie „Blasen“ – die ebenfalls ganz aus Glas sind. Sie nehmen die Rezeption, das Infocenter, die Mediathek, Bookshop, Spielzimmer und einen „Salon“ auf – und verstärken den aquariumhaften Eindruck. Im Untergeschoss offenbart sich den Besuchern, was in anderen Museen nur an Tagen der offenen Tür zu sehen ist: Im „Ressourcencenter“ können sie einen Blick auf die nicht ausgestellten Stücke werfen und auf Displays eine „virtuelle Reise in die Seele der Werke“ abrufen. Und nebenan gibt es Einblick in die Werkstatt der Restauratoren. Die Transparenz reicht hier bis hinter die Kulissen, um zu demonstrieren, dass auch Museum Arbeit ist.

Von der Empfangshalle führen sich diagonal gegenüberliegende Zugänge in die beiden Gebäudeflügel. Links in die große Galerie und eine kleinere Glashalle für lokale Kunst dahinter, rechts in die Galerie für temporäre Shows, wo derzeit eine Renaissance-Ausstellung läuft, für die die Halle in einzelne Kabinetträume unterteilt wurde. Separat zugänglich liegt dahinter „La Scène“, ein wandelbares Auditorium mit 300 Plätzen.

Die beiden Galerien sind stützenfrei offen, haben aber geschlossene Außenwände – wo es um alte Werke geht, hört die Transparenz auf. Licht (auch das Kunstlicht) kommt, von Lamellen gesteuert, vom Dach. So viel strikte Funktionalität kann leicht den spröden Uncharme von Messehallen bekommen – aber Sejima und Nishizawa sind Puristen mit Sinn für subtile ästhetische Nuancen. Und so milderten sie alle Stringenz mit kleinen Finessen: Die Hallenwände laufen nicht stur geradeaus, sondern sanft geschwungen. Die Fassaden sind aus gebürstetem Aluminium, das das Licht diffus wiedergibt und sich der Umgebung anpasst: bei Sonnenschein blau, bei bedecktem Himmel schillernd grau, an kalten frühen Morgen schneeweiß vom Tau. Die Konturen verschwimmen, das Gebäude löst sich auf, entzieht sich – ein bisschen so, als gebe es den Louvre Lens doch noch nicht wirklich.

Autor:
Heiner Scharfenorth
Fotograf:
Jonas Unger