Museums-Neubau Architektur und Ausstellungskonzept

Im hohen Norden Frankreichs gibt es jetzt einen Ableger des berühmten Pariser Museums zu bestaunen. In einem Neubau, den das japanische Pritzker-Preis-Duo SANAA entworfen hat – und in dem alles anders ist als im Mutterhaus in Paris.

Spürbar werden SANAAs kleine Tricks vor allem in der großen Galerie. 120 Meter offene Weite, 3000 Quadratmeter. Die Aluminiumwände spiegeln die Besucher, der Betonboden fällt, man spürt es leise verunsichert, zur Mitte hin leicht ab und steigt dann wieder an. Das macht Bewegung und Raum bewusst. Hier wird die Dauerausstellung mit auserlesenen Louvre-Schätzen gezeigt – und hier ergänzen sich Architektur und Ausstellungskonzept zu einer für antike Kunst geradezu respektlos neuartigen Inszenierung. Die „Galerie der Zeit“ zeigt gut 200 Skulpturen und Gemälde aus der ganzen Spanne der Louvre-Sammlung, also von 3500 vor Christus bis 1850. Es sind 70 Werke aus der Antike, 45 aus dem Mittelalter und 90 aus der Neuzeit. Chronologisch zwar, aber ohne alle Abtrennungen, auf frei stehenden Podesten, um die das Besuchervölkchen, das sich selber spiegelt, allseits herumwandern kann. „Transversale Präsentation“ nennen das die Ausstellungsdesigner. Museale Aufteilungen und Eingrenzungen wie im Pariser Louvre wollen sie überwinden, das Museum neu erfinden. In Lens erlebt man Funde aus der griechischen Klassik direkt neben zeitgleichen Werken des Perserreichs und des alten Ägypten. Die didaktische Vermittlung unterstützen zehn Mediatoren, die ständig im Raum unterwegs sind.

Das neue Museum so weit weg vom Nabel der Kulturwelt, sagt Henri Loyrette überzeugt, ist „eine Chance für die Stadt Lens, aber auch für den Louvre selbst“. 140 000 Besucher waren im ersten Monat da. Die Einwohner von Lens sind stolz auf die neue Attraktion. Viele von ihnen, die es bereits besichtigt haben, eingeladen von den Museumsleuten, die geduldig von Haus zu Haus gingen, hatten nie zuvor ein Museum von innen gesehen. Und sie werden aus diesem Grund auch gar nicht zu schätzen wissen, dass ihre neue Attraktion, die so viele Fremde in ihre Provinz lockt, so ganz anders ist als ihre Ahnen und Verwandten.

Autor:
Heiner Scharfenorth
Fotograf:
Jonas Unger