Fels der Gefühle Wie ein Schiffsbug

Hoch über Acapulco bauten die Architekten Esteban und Sebastian Suarez eine Kapelle, die wirken sollte wie ein weiterer Felsbrocken zwischen den Anderen und die nur eine Funktion hat: sie zelebriert den Sonnenuntergang.

 

So wurde die Kapelle ganz einfach fünf Meter nach oben gestemmt, von einem massiven Betonsockel, der den Boden aber nur vorsichtig berührt und wie auf Zehen steht. Vom schmalen Fuß steigt die Vorderwand schräg wie ein Schiffsbug nach oben – die Kapelle streckt sozusagen den Hals über den Riesenstein, der vorher die Sicht versperrte.

Zwischen hohen Bäumen und geplanten Grabstätten thront jetzt ein wuchtiger, unregelmäßiger Vielkant, von jeder Seite trapezförmig, aber immer anders. „Wir wollten“, sagt Esteban, „dass der Bau einfach wie ein weiterer kolossaler Granitblock wirkt.“ So verschlossen die untere Hälfte, von der eine schmale Treppe nach oben führt, so offen ist die obere mit dem Andachtsraum: 120 Quadratmeter mit dem Grundriss eines gestreckten Sechsecks, rund fünf Meter Höhe, schräge Decke, gekippte Seitenwände mit Glas und vertikalen Stützen, die Aussicht und einfallendes Licht in Streifen zerlegen. Das verunsichert. Alles ist in der Schwebe, aus der Balance, im Unwirklichen – wäre da nicht die Sichtachse auf die Stirnfront, voll verglast, mit dem Umriss eines Kreuzes mittendrin. Bankreihen aus Beton stehen auf einem nach hinten ansteigenden Boden wie in einem Kino.

Acapulcos Sonne steht schon tief über dem Pazifik, im letzten Glühen kommen die Gefühle. Die können auch romantisch sein. „Seltsam“, wundert sich der Architekt, „die Kapelle wird nicht nur für Totenmessen, sondern auch für Taufen und Hochzeiten gemietet!“

Seite 2 : Wie ein Schiffsbug
Autor:
Heiner Scharfenorth
Fotograf:
Esteban Suárez